Editorial - Eine neue Zeitschrift stellt sich vor
Thomas Bronisch und Serge Sulz
Zusammenfassung:
Die Situation der Psychotherapie in der heutigen Zeit ist gekennzeichnet durch Behandlungen von Patienten aus vielen Bereichen der Medizin, mit diversen Methoden und durch Therapeuten mit ganz unterschiedlicher Ausbildung und klinischer Praxis. Diese Vielfalt an Erfahrung und Behandlungsmethoden hat jedoch nicht zu einem ausreichenden Austausch innerhalb der Psychotherapeuten geführt. Auch weiterhin stehen sich die verschiedenen Berufsgruppen und die einzelnen Ausbildungsinstitutionen mehr im Konkurrenzkampf denn in Kooperation gegenüber. Schließlich hat die empirische Psychotherapieforschung, die den Nachweis der Effizienz psychotherapeutischer Verfahren geliefert hat, bis jetzt die Brücke zur klinischen Praxis nur unzureichend schlagen können: Einerseits werden die Ergebnisse der Psychotherapieforschung zu wenig von den rein praktisch tätigen Psychotherapeuten rezipiert, andererseits hat sich die empirische Psychotherapieforschung nur ungenügend der praxisnahen Probleme der Psychotherapeuten angenommen.
Unsere neue Zeitschrift will den Versuch unternehmen, Kommunikation und Dialog zwischen den verschiedenen Berufsgruppen, zwischen den einzelnen Therapierichtungen und zwischen psychotherapeutischer Praxis und Forschung zu fördern. Der Austausch soll durch Lektüre und Schreiben erfolgen; ein Austausch, der Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufzeigt mit dem Ziel der notwendigen Solidarisierung der verschiedenen Psychotherapiegruppen und der Weiterentwicklung der Psychotherapie, sowohl im Sinne der Integration als auch der Differenzierung. Die Artikel sollen so geschrieben sein, daß sie über die einzelnen Schulen hinweg mit wenig Vorinformation gut lesbar und verständlich sind, jedoch auch für den Fachmann neue Erkenntnisse bieten.
Themen sind jegliche für den Psychotherapeuten bedeutsamen Aspekte des Berufsfeldes: Originalia, die entstanden sind aus der eigenen klinischen Erfahrung oder aus wissenschaftlichen Studien, Klinikberichte, Forschungsberichte, Krankheits- und Fallbeschreibungen, aktuelle Informationen zu Weiterbildungsbedingungen, Qualitätsstandarts, Abrechnungs- und Kostenfragen, Dialoge über brennende Fragen und Probleme.
Das Redaktionsteam besteht aus Ärzten und Psychologen, Psychiatern und Fachärzten für Psychotherapeutische Medizin, Praktikern, Klinikern und Wissenschaftlern, Lehrtherapeuten und Weiterbildungsassistenten, Kinder-, Familien- und Gruppentherapeuten, Angehörigen der wichtigsten Therapieschulen. Der redaktionelle Prozeß läuft so ab, daß Originalbeiträge an die Redaktionsleitung geschickt und von dieser an die Fachredaktion weitergegeben werden. Diese wählt je Beitrag einen vorwiegend wissenschaftlich und einen vorwiegend klinisch tätigen Gutachter aus. Alle anderen Beiträge werden kurzfristig von der Redaktion zur Veröffentlichung gebracht.
Die Beiträge im ersten Heft dieser Zeitschrift sollen unser Anliegen widerspiegeln.Themenschwerpunkt ist die Therapie von Borderline Persönlichkeitsstörungen, die als Paradigma einer kompelxen Störung betrachtet werden können und in der Praxis erhebliche Probleme bereiten. In der heute gültigen Definition von DSM-III bis IV und ICD-10 ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung zwar sehr von den psychoanalytischen Autoren wie Kernberg geprägt, die kognitive Verhaltenstherapie hat aber durch M. Linehan ein eigenes komplexes Behandlungskonzept entwickelt, welches wiederum Einfluß nimmt auf die Behandlungskonzepte der psychoanalytisch orientierten Therapeuten. Da auch die Pharmakotherapie mittlerweile in den Bereich der Neurosen und Persönlichkeitsstörungen Einzug gehalten hat, haben wir einen auf diesem Gebiet erfahrenen Pharmakologen gebeten, auch für den Nicht-Psychiater eine verständliche Übersicht über pharmakotherapeutische Ansätze der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen zu geben. Diese Beiträge werden ergänzt durch zwei empirisch-wissenschaftlich fundierte Aufsätze über Langzeitverläufe von Borderline-Persönlichkeitsstörungen und die Evaluation des Behandlungskonzeptes von M. Linehan.
Im Brennpunkt der Diskussion unter den Psychotherapeuten stehen sicherlich auch die Themen, die wir für die erste Ausgabe unserer Zeitschrift ausgewählt haben: "Psychotherapie und Versorgungssystem" und "Das Psychotherapeutengesetz und die psychotherapeutische Versorgung". Das Heft wird eingeleitet mit einem historischen Beitrag mit dem Titel "Psychotherapie-reflektierte Geschichte? Plädoyer für ein historisches Selbstverständnis", der uns darauf aufmerksam macht, daß auch die Psychotherapie als ein in der Medizin erst spät anerkanntes Fach profunde historische Wurzeln sowohl in der abendländischen Medizin als auch in der Philosophie hat.
Auf diese Weise hoffen wir, nicht nur der notwendigen Spezialisierung zum Psychotherapeuten gerecht zu werden, sondern auch seinem unverzichtbaren Eingebettetsein in die Tätigkeitsfelder Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin und Klinische Psychologie. Ohne Tätigkeitsfeld ist der Psychotherapeut arbeitslos und ohne den Bezug zum Tätigkeitsfeld beziehungslos.
Psychotherapie - reflektierte Geschichte? Plädoyer für ein historisches Selbstverständnis
Matthias M. Weber (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München)
Schlüsselwörter: Geschichte der Psychotherapie - Geschichte der Psychiatrie - Psychologische Anthropologie - Krankheitsmodelle
Zusammenfassung:
Die Verfahren der Psychotherapie können nicht allein aus ihrer gegenwärtigen Praxis oder Theoriebildung heraus erklärt werden. Sie stehen vielmehr in ideengeschichtlichen Traditionen, die bis zu den philosophischen und medizinischen Systemen der abendländischen Antike zurückreichen. Anhand einiger medizinhistorischer Beispiele werden die kulturellen Abhängigkeiten psychotherapeutischer Methoden erläutert, die stets auch Ausdruck der gesellschaftlichen Bedingungen und Problemfelder ihrer Zeit sind. Ein kritisch-historisches Selbstverständnis wirkt daher befruchtend auf die aktuellen Diskussionen.
Zur Professionalisierung der Psychotherapie in unserer Gesellschaft
Horst Kächele (Universität Ulm) & Peter Buchheim (Technische Universität München)
Schlüsselwörter: Geschichte der Psychotherapie, Institutionalisierung, Professionalisierung
Zusammenfassung:
Anhand eines historisch orientierten Überblicks wird die Entwicklung der psychotherapeutischen Arbeitsfelder skizziert. Psychotherapie wird als Tätigkeit mit unterschiedlicher Fachkompetenz an Schnittstellen der medizinischen und psychosozialen Versorgung in der Gesellschaft beschrieben. Psychotherapie gründet sich auf ein methodisch-reflektiertes Verständnis für krankheitsrelevante Konflikte, für die ein Zusammenhang zwischen Störung und Lebensgeschichte gezeigt werden kann. Die Arbeit illustriert diese These an zentralen Fragen der gegenwärtigen psychotherapeutischen Versorgung in der BRD.
Das Psychotherapeutengesetz und die psychotherapeutische Versorgung
Hans-Jochen Weidhaas (Bad Dürkheim)
Schlüsselwörter: Psychologischer Psychotherapeut - Psychotherapiegesetz - stationäre Psychotherapie - ambulante Psychotherapie
Zusammenfassung:
Zunächst wird die aktuelle Entwicklung des Psychotherapeutengesetzes in Richtung auf ein Integrationsmodell dargestellt. Dieses beinhaltet die Tätigkeit psychologischer Psychotherapeuten im Rahmen der bestehenden kassenärztlichen Versorgung. Psychologische Psychotherapeuten würden dadurch gleichberechtigte Mitglieder der Kassenärztlichen Vereinigungen. Anschließend wird der in Deutschland einmalige sehr hohe Prozentsatz stationärer Psychotherapie diskutiert. Als realisierbare Möglichkeit, das fortgesetzte Wachstum der Bettenzahlen aufzuhalten, wird u.a. die ortsnahe stationäre Versorgung innerhalb des Krankenhausbedarfsplanes gesehen.
Langzeitverläufe von Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Thomas Bronisch (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München)
Schlüsselwörter: Borderline-Persönlichkeitsstörung - Langzeitverlauf - Suizidrate
Zusammenfassung:
Die Erfassung der Langzeitverläufe von Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) setzt eine einheitliche Beschreibung der BPS voraus. Eine solche existiert seit 1980. Die vorhandenen Langzeitkatamnesen schildern den Verlauf unter den jeweiligen örtlichen Bedingungen, d.h., die Patienten standen in stationärer Behandlung und sind teilweise ambulant mit verschiedenen Methoden therapiert worden. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Besserung der Symptomatik nach 10 bis 15 Jahren, wobei eine hohe Suizidrate von 8 bis 9% und eine mangelnde Beziehungsfähigkeit zu beachten sind.
Die Anwendung der "Dialektisch-Behavioralen Therapie" für Borderline-Störungen im stationären Bereich
Martin Bohus, Charles Swenson, Ingrid Sender, Ingrid Kern, Mathias Berger (Abteilung für Psychiatrie und Psychosomatik, Universität Freiburg)
Schlüsselwörter: Persönlichkeitsstörung - Borderline-Persönlichkeitsstörung - Verhaltenstherapie - Linehan
Zusammenfassung:
Die "Dialektisch-Behaviorale Therapie" (DBT) wurde von Marsha Linehan zur ambulanten Behandlung von chronisch suizidalen Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen entwickelt. Sie basiert auf einem biosozialen Entstehungsmodell, kognitiv-behavioralen Behandlungsstrategien und spezifischen therapeutischen "dialektischen" Interventionsmethoden. Die Einzeltherapie und das Fertigkeitentraining in der Gruppe ergänzen sich zu einem Gesamtkonzept, dessen Überlegenheit gegenüber unspezifischen Therapieformen empirisch nachgewiesen werden konnte. Am Beispiel einer Borderline-Therapiestation an der Universität Freiburg werden die strukturellen Voraussetzungen für die Anwendung der DBT im stationären Bereich geschildert, sowie die Besonderheiten der Behandlungsziele, der Strategien und Methoden wie sie die stationäre Behandlung nach den Richtlinien der DBT erfordert.
Borderline-Persönlichkeitsstörung: Der DBT-Ansatz von M. Linehan - eine Bewertung aus psychoanalytischer Sicht
Mathias Lohmer und Corinna Wernz (München)
Schlüsselwörter: Borderline-Persönlichkeitsstörung - kognitive Therapie - psychoanalytische Therapie - Methodenvergleich
Zusammenfassung:
Anhand der drei wesentlichen Elemente von Linehan's dialektisch-behavioraler Psychotherapie für Borderline-Patienten - Etablierung einer intensiven therapeutischen Beziehung, das Training von Bewältigungsmechanismen, der zen-buddhistische Hintergrund - werden die Besonderheiten dieses Therapieansatzes beschrieben und diskutiert. Im Anschluß daran wird erörtert, was psychodynamische Ansätze einerseits und DBT andererseits voneinander lernen können und wo die jeweiligen Stärken und Schwächen liegen.
Pharmakologische Ansätze in der Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen
Mathias Dose, BKH Taufkirchen/Vils
Schlüsselwörter: Borderline-Persönlichkeitsstörung; Psychopharmaka; Neuroleptika; Antidepressiva; Lithium; Carbamazepin; Benzodiazepine
Zusammenfassung:
Mehr als die Hälfte der Patienten mit Borderline Persönlichkeitsstörungen wird zeitweise auch mit Psychopharmaka behandelt. Die psychopharmakologische Beeinflussung von Persönlichkeitsstörungen hat eine lange Tradition. Dennoch gibt es nur wenig kontrollierte Studien zur Wirksamkeit psychopharmakologischer Behandlungsansätze bei Borderline Persönlichkeitsstörungen. Die kritische Zusammenfassung bisheriger Erfahrungen und vorliegender Studien erlaubt die Entwicklung von Grundzügen einer pragmatischen Therapie mit Psychopharmaka, die bestehende Therapieansätze bereichern und ergänzen kann.
Repetitorium zum Sammeln und zur Prüfungsvorbereitung Nr. 1: Lernpsychologie
Serge Sulz, München
Buchrezension Gneist, J.: Wenn Haß und Liebe sich umarmen. Das Borderline-Syndrom. Ein Psychodrama unserer Zeit.München, Zürich: Piper 1995. 242 S.
rezensiert von T. Bronisch
Themenheft: Borderline-Persönlichkeitsstörung


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