Themenheft : Posttraumatische Belastungsstörung
Editorial - Gegenwart und Zukunft der Psychotherapie
Thomas Bronisch und Serge Sulz
Zusammenfassung:
Unsere nun mit dem zweiten Heft erscheinende Zeitschrift hat als Anliegen Gegenwart und Zukunft der Psychotherapie mitzugestalten. In welche Gegenwart wurde diese Zeitschrift hineingeboren? Welche Zukunft steht der Psychotherapie bevor?
Bis vor kurzem noch stand sie in voller Blüte. Nach dem bahnbrechenden Eintritt der psychoanalytischen Behandlung in die allgemeine Kassenversorgung psychisch und psychosomatisch erkrankter Menschen in den sechziger Jahren folgte ihr die Verhaltenstherapie als zweites Therapieverfahren, das inzwischen ebenso viel zur psychotherapeutischen Versorgung in Deutschland beiträgt. Im stationären Bereich gibt es eine in der Welt einmalige Versorgungsdichte und qualitativ eine sich ständig weiterentwickelnde Therapiekultur. Die Ausbildungen ärztlicher und psychologischer Psychotherapeuten wurden in den letzten zehn Jahren, zuletzt durch die neue Weiterbildungsordnung für Ärzte, ebenfalls auf einen vorbildlichen Stand angehoben. Und die psychologischen Psychotherapeuten standen kurz vor der gesetzlichen Verankerung ihrer Heiltätigkeit.
Die überwuchernden Kosten des gesamten Gesundheitssystems brachten eine jähe Gefährdung dieser Blüte. Der Rotstift wurde nicht an den teuersten Bereichen angesetzt, sondern an den jüngsten: Was man gestern nicht gebraucht hat, ist morgen verzichtbar. Dadurch ist die Zukunft der psychotherapeutischen Versorgung schwer vorhersagbar geworden.
Unsere Gesellschaft überfordert die menschliche Psyche in wachsendem Ausmaß und schafft deshalb neue therapeutische Aufgaben und Aufgabenschwerpunkte für die Psychotherapie. Unsere Gesellschaft leistet sich die psychische Überforderung und Ausbeutung des Menschen mit den daraus entstehenden psychischen und psychosomatischen Leiden und so muß sie sich auch deren psychotherapeutische Behandlung leisten. Es gilt die Anerkennung zu finden für den großen Beitrag der Psychotherapie zur Gesundung und Gesunderhaltung unserer Gesellschaft. Es ist z.B. erstaunlich, wie die Entwicklung des Wissens und der Therapie von Posttraumatischen Belastungsstörungen in den letzten zehn Jahren vor sich ging. Ob es sich nun um Unfallopfer, Opfer des ehemaligen DDR-Regimes, Kriegsopfer in Bosnien oder Vergewaltigungs- und Mißbrauchsopfer handelt, so können sie zwar noch nicht an jedem Ort auf fachkundige Hilfe hoffen, aber es existieren jetzt Möglichkeiten für Therapeuten, sich durch Lektüre ( es gibt inzwischen mehr als dreißig Fachbücher zu diesem Thema) und persönliche Fortbildung zu qualifizieren. Der Themenschwerpunkt dieses Heftes soll hierzu beitragen. Willi Butollo faßt seine Erfahrungen aus der Unicef-Arbeit in Bosnien zusammen, Barbara Steinkopf berichtet über diesbezügliche verhaltenstherapeutische Bemühungen. Erdmuthe Fikentscher berichtet über die Therapie von Opfern des früheren DDR-Regimes und Ulrich Frommberger und Mitarbeiter über die Therapie von Unfallopfern.
Vielleicht gehört es zum Wesen der Psychotherapie, daß sie nie selbstverständlicher, unumstrittener Bestandteil einer westlichen Industriegesellschaft war und nie sein wird. Sie ist einerseits ein Kind dieser Gesellschaft und andererseits ihr natürlicher Gegenpol. Da sie individuelle und kollektive Pathogenie und Pathologie nicht einfach repariert, sondern diese vielmehr in Frage stellt, ist und bleibt sie eine gesellschaftliche Kraft, die auf die Gesellschaft einwirkt und dadurch Widerspruch und Widerstand heraus fordert.
VERMITTLUNGSSTELLEN FÜR PSYCHOTHERAPIE; EINE DISKUSSION
MATTHIAS ENGELHARDT
Schlüsselwörter: Erstattungspsychologe, Richtlinienpsychotherapeut, Psychotherapie Vermittlungsstelle
Zusammenfassung:
Vermittlungsstellen als Teil der KV können eine Hilfe für Patienten auf zwei Arten sein:
1. Bessere Versorgung mit Psychotherapie durch Nutzung aller Ressourcen und
2. bessere Qualität der Therapie durch Überprüfung der Ausbildungsunterlagen von Erstattungspsychologen.
In keinem Fall darf eine Vermittlungsstelle irgendeine Kontrolle auf die existierenden Strukturen der Richtlinienpsychotherapie ausüben. Sie ist lediglich eine Hilfe für Patienten, die in Schwierigkeiten sind, einen Therapieplatz zu bekommen.
POSTTRAUMATISCHE BELASTUNGSSTÖRUNG; KLINISCHE ERSCHEINUNGSBILDER - EPIDEMIOLOGIE - THERAPIESTUDIEN
THOMAS BRONISCH
Schlüsselwörter: Posttraumatische Belastungsstörung - klinisches Erscheinungsbild - Epidemiologie-Therapiestudien
Zusammenfassung:
Die Diagnose einer Posttraumatic stress disorder - posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) wurde in DSM-III (1980) eingeführt und ist im wesentlichen von ICD-10 (1992) übernommen worden. Die wichtigsten Kriterien sind einerseits eine Extrembelastung, andererseits anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung durch Nachhallerinnerungen, lebendige Erinnerungen und sich wiederholende Träume. Epidemiologische Studien zeigen, daß PTSD ein weitverbreitetes Krankheitsbild in der Normalbevölkerung ist mit einem hohen Grad der Chronifizierung. Pharmakotherapiestudien erbrachten den Nachweis einer mäßigen Wirkung von Antidepressiva auf Angst- und depressive Symptome. Psychotherapiestudien zeigten einen positiven Effekt auf die Symptome der PTSD, insbesondere verhaltenstherapeutische Verfahren wie systematische Desensibilisierung und Flooding.
Nieder mit der traumatischen Neurose, hoch die Hysterie: Zum Niedergang und Fall des Hermann Oppenheim (1889-1919)
Paul Lerner
Schlüsselwörter: Integrative Traumatherapie - Post-Traumaentwicklung - traumatisiertes Selbst.
Zusammenfassung:
Nach einem Überblick wichtiger psychologischer Problembereiche bei Traumatisierung wird die Bedeutung des Selbst bzw. des Selbst-Konzeptes behandelt. Daraus läßt sich eine psychologische Theorie der Traumatsierung auf der Basis der Selbst-Theorie herleiten. Dieser Ansatz soll ein besseres Verständnis der während bzw. nach einer Traumatisierung ablaufenden psychischen Prozesse vermitteln sowie Trauma-Symptome erklären helfen. Eine neue, daraus abgeleitete Sichtweise der Traumatherapie bzw. - prävention wird vorgestellt.
TRAUMAPSYCHOLOGIE UND TRAUMAPSYCHOTHERAPIE - Eine Herausforderung für psychotherapeutische Praxis und Forschung
Willi Butollo, München
Schlüsselwörter: Integrative Traumatherapie - Post-Traumaentwicklung - traumatisiertes Selbst.
Zusammenfassung:
Nach einem Überblick wichtiger psychologischer Problembereiche bei Traumatisierung wird die Bedeutung des Selbst bzw. des Selbst-Konzeptes behandelt. Daraus läßt sich eine psychologische Theorie der Traumatsierung auf der Basis der Selbst-Theorie herleiten. Dieser Ansatz soll ein besseres Verständnis der während bzw. nach einer Traumatisierung ablaufenden psychischen Prozesse vermitteln sowie Trauma-Symptome erklären helfen. Eine neue, daraus abgeleitete Sichtweise der Traumatherapie bzw. - prävention wird vorgestellt.
Psychosoziale Behandlung bei traumatisierten Flüchtlingen
Barbara Steinkopff
Schlüsselwörter: Posttraumatische Belastungsstörung - Asylsuche - Verhaltenstherapie
Zusammenfassung:
Der Bericht über die Beratung und Behandlung von traumatisierten Flüchtlingen in Refugio München faßt eine dreijährige praktische Erfahrung zusammen. Befragungen von Patienten zur Einschätzung unseres Beratungs- und Behandlungskonzepts werden dabei mitberücksichtigt.
Vorgestellt werden thematische Aspekte und Problembereiche, die typisch sind für dieses Tätigkeitsfeld.
Nach kurzer Einführung in die spezielle Situation von traumatisierten Asylsuchenden und der damit verbundenen sozialen, psychischen wie körperlichen Problematik unter Berücksichtigung kultureller Einflußfaktoren wird auf den theoretischen Bezugsrahmen unserer Arbeit eingegangen. Schwerpunkt bildet im weiteren die Darstellung unseres Behandlungskonzepts, wobei Maßnahmen zur Behandlung intrusiver Phänomene detailliert beschrieben werden. Die Behandlung von Schlaf- und Schmerzstörungen erfolgt nach Behandlungskonzepten aus der kognitiven Verhaltenstherapie und der systemischen Familientherapie.
Die Psychischen Folgen von Verkehrsunfällen; Epidemiologie, Symptomatik und Therapie
Ulrich Frommberger Dr. med., Dipl. Biol.
Rolf-Dieter Stieglitz, Dr. rer. nat. PD, Dipl. Psych.
Elisabeth Nyberg, Dipl. Psych.
Mathias Berger, Prof. Dr. med. (Direktor der Klinik)
Schlüsselwörter: Verkehrsunfall - Posttraumatische Belastungsstörung - Depression - Comorbidität - Risikofaktoren
Zusammenfassung:
Verkehrsunfälle sind häufig auftretende Ereignisse, die als psychisches Trauma wirken können. Eine bedeutende Minderheit von verletzten Patienten entwickelt gravierende psychopathologische Symptome nach einem Verkehrsunfall. Nach den Studienergebnissen ist das bei ca. einem Drittel der Patienten der Fall. Sie zeigen Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder phobisches Vermeidungsverhalten sowie organische Psychosyndrome. Für die Mehrzahl der verletzten Unfallopfer sind die Symptome vorübergehend und deuten eine erfolgreiche Bewältigung der Unfallfolgen an. Ein komplexes Geflecht an prämorbiden Faktoren, Gegebenheiten des Unfalls und der Verletzungen selbst, der ersten Reaktionen auf den Unfall sowie der psychosozialen und somatischen Folgen bedingen die Art und das Ausmaß an psychischen Reaktionen auf den Unfall. Bisher wurden nur wenige Studien zu den psychischen Folgen von Verkehrsunfällen durchgeführt, die noch viele Fragen unbeantwortet lassen. In der Übersicht werden einige wichtige Forschungsergebnisse und Therapieansätze zusammengefaßt.
Formen von Traumata und deren Therapie bei politisch Verfolgten in der ehemaligen DDR
Erdmuthe Fikentscher und Ricarda Lukas
Schlüsselwörter: Psychotrauma - politische Verfolgung in der DDR - Psychotherapie
Zusammenfassung:
In den letzten Jahren wurden wesentliche Kenntnisse und Zusammenhänge in bezug auf die Auswirkungen externer schwerer Traumata auf die menschliche Psyche gewonnen. Solche Traumata sind zum Beispiel Krieg, politische Verfolgung, Zwangsumsiedlung und Mißhandlung. Das zu diesem Thema gewonnene Wissen siedelt sich in verschiedenen Wissenschaftsbereichen - wie der Psychologie, der Psychotherapie und Psychiatrie, der Soziologie, Verhaltensforschung, Ethnologie u. a. - an und fließt in der Disziplin der Psychotraumatologie zusammen, die sich mit den Auswirkungen externer Traumatisierung, der Diagnostik, Therapie und Prävention traumatisch bedingter Krankheitsbilder auseinandersetzt.
An der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wurde zwischen 1992 bis 1994 in einer Studie ein Beitrag zu den psychischen Auswirkungen politischer Verfolgung in der DDR anhand der Untersuchung ehemaliger politisch Inhaftierter geleistet. Dabei wurden Formen der Traumatisierung wie der Verlust von Menschenrechten, die gesellschaftliche Ausgrenzung und Benachteiligung sowie die Einschränkung der persönlichen Freiheit bis zum Freiheitsentzug beschrieben. Es wird in Übereinstimmung mit anderen Autoren ein Symptomenkomplex gefunden, der die wesentlichen psychischen Auswirkungen politischer Haft in der DDR beschreibt. Weiterhin werden allgemeine Merkmale einer tiefenpsychologisch orientierten Therapie bei Opfern politischer Verfolgung beschrieben.
Zu den Besonderheiten, die für die Therapie politisch Verfolgter in der DDR formuliert wurden, gehören die zahlreichen chronifizierten Verläufe auf Grund des bis zum Ende der DDR notwendigen Schweigens über diese Ereignisse, weiterhin das Wiederaufleben des Traumas durch die tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft 1989 mit der völligen Veränderung aller Normen und Werte sowie die an den Staat Bundesrepublik als rechtlicher Nachfolger der DDR gerichteten Wünsche nach Rehabilitation, Anerkennung der gesundheitlichen und sozialen Schäden und Wiedergutmachung.
Hypnotherapeutische Methoden zur Aufarbeitung von belastenden und Traumatischen Erfahrungen
Ortwin Meiss
Zusammenfassung:
Es wird hingewiesen, daß belastende oder traumatische Erfahrungen nicht in jedem Fall aufgearbeitet werden müssen, um einen Klienten von seinen Symptomen zu befreien. Oft ist es ausreichend, den Klienten anzuregen, die Auslöser für traumatische Ereignisse zu meiden, oder diese mit neuen Assoziationen zu verknüpfen. Auf eine Neuverknüpfung oder Neuassoziation zielt der altbekannte Ratschlag an prüfungsängstliche Studenten, sich die Prüfer in Unterwäsche vorzustellen. Der Prüfling verknüpft den angstauslösenden Prüfer mit einer lächerlich wirkenden Vorstellung, die eine Spontan-Regression in der Prüfungssituation verhindert.


Copyright (c) 2004 Cip-Medien. Alle Rechte vorbehalten.
Cip-Medien - Nymphenburger Str. 185 - 80634 München
0049-89-130793-21
0049-89-132133