PSYCHOTHERAPIE-REPETITORIUM ZUM SAMMELN HYPNOTHERAPEUTISCHE INTERVENTIONEN FÜR VERHALTENSTHERAPEUTEN: ELEGANT UND WIRKSAM

Anke Pielsticker

Rezesion
Hermann Haken und Günter Schiepek: Synergetik in der Psychologie.Selbstorganisation verstehen und gestalten. Göttingen: Hogrefe

Dr. Dr. Serge K. D. Sulz

Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen:
Das Beispiel des Stotterns

Disorders of Speech, Language and Voice: The Example of Stuttering

Jürg Kollbrunner, Sylvia Sassenroth-Aebischer

Die Funktionale Familientherapie: Ein effektives klinisches Behandlungsverfahren

The Functional Family Therapy: an Effective Clinical Treatment

Hans-Peter Heekerens

Familien-Psychoedukation als Rückfallprophylaxe bei Schizophrenie: Wirkung und Wirkungsweise

Family Psychoeducation for Schizophrenia: Effect on Relapse

Hans-Peter Heekerens und Maria Ohling

Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz von Familientherapie

Efficacy, Effectiveness and Efficiency of Family Therapy

Hans-Peter Heekerens  

Leistungsprobleme von Kindern und Jugendlichen: Indikation Familientherapie laut Systemisch Orientiertem Erhebungsinventar

Achievement Deficiencies: The Indication of Family Therapy according to a Systemic-based Interview Guide

Klaus D. Kubinger, Stefana Holocher-Ertl und Martina Frebort  

Beziehungsdiagnostik mit der GARF-SkalaEin Plädoyer für die interpersonelle Perspektive nicht nur in der Mehrpersonen-Psychotherapie

Rational Diagnostics by the GARF-Scale. Pleading for the Interpersonal Perspective not only in Multiperson-Psychotherapy

Michael Stasch, Manfred Cierpka  

Tiefenpsychologisch orientierte Familienberatung – Zur Methodik des Erstgesprächs am Beispiel einer Erziehungsberatung

Psychodynamic family therapy and family counselling – Method of first interview

Achim Haid-Loh  

Die Mehrgenerationenperspektive in der psychotherapeutischen Praxis

Transgenerational Perspectives in Psychotherapy

Peter Kaiser  

Förderung der ErziehungskompetenzMethoden und Interventionen zur Stärkung elterlicher Kompetenzen und Fähigkeiten für die Erziehung

Promoting Parenting Skills Psychotherapeutic Methods and Interventions for the Strenghtening of Parental Skills and Abilities

Helmut Adler  

Pesso-Therapie und systemische Therapie

Pesso-Therapy (PBSP) and Systemic Therapy

Barbara Fischer-Bartelmann

PSYCHOTHERAPIE-REPETITORIUM ZUM SAMMELN HYPNOTHERAPEUTISCHE INTERVENTIONEN FÜR VERHALTENSTHERAPEUTEN: ELEGANT UND WIRKSAM

Anke Pielsticker

Fragen

1. Welche der folgenden Variablen sind gemeinsame Bestimmungselemente von Hypnose undVerhaltenstherapie?
Wählen Sie 2 Antworten!

    a) Verbalsuggestionen
    b) Empathie
    c) Entspannungsinstruktionen und Imaginationen
    d) Widerstandanalyse

2. Welchen Vorteil hat die Kombination von Verhaltenstherapie und Hypnose?

3. Was kann die Verhaltenstherapie von der Hypnose lernen?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Aufbau von Rapport
    b) Ressourcenorientiertes Vorgehen
    c) Einübung von sozialen Fähigkeiten
    d) Indirektes Vorgehen

4. Welche Interventionen gehören zum hypnobehavioralen Ansatz nach Revenstorf?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Progression in einen Zielzustand
    b) Überprüfung von Fakten sensu Beck
    c) Regressive Prozesse
    d) Reizkonfrontation

5. Nennen Sie 3 Störungen (gemäß ICD-10), bei denen die Wirksamkeit der Hypnose empirisch belegt ist!

6. Wie kann der Trancezustand genutzt werden?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Zur Transformation von Symptomen
    b) Zur Progression in einen Zielzustand
    c) Zur Strukturierung von Gesprächsinhalten
    d) Zur Dissoziation von traumatischer Erfahrung

7. Was versteht man unter hypnosespezifischer Diagnostik?

8. Was bedeutet das Utilisationsprinzip?
Wählen Sie 1 Antwort!

    a) Um eine Veränderung zu erreichen, wird an einer Stelle, die unverdächtig ist, eine kleine Intervention gesetzt, die unschuldig erscheint und auf die der Klient nicht vorbereitet ist.
    b) Die individuellen Merkmale und Interaktionsmuster einschließlich u.U. des Symptoms und des „Widerstands" werden für die Veränderung genutzt.
    c) Durch die Anwendung von Konfusionsstrategien werden festgefahrene kognitive Positionen und Verhaltensmuster aufgelöst.

9. Anhand welcher Strategien kann die Tranceinduktion vorbereitet werden?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Abbau von Widerständen und Vorurteilen gegenüber Hypnose
    b) Aufbau von Rapport
    c) Abdunkelung des Therapieraumes
    d) Verwendung von hypnotischen Sprachmustern

10. Was versteht man unter dem Submodalitätenkonzept?
Wählen Sie 1 Antwort!

    a) Bei Veränderungen im Rahmen von Tranceprozessen werden sämtliche Sinnesqualitäten mit einbezogen
    b) Die Trennung der bewussten von der unbewussten Ebene
    c) Der Einbezug von Geschichten und Anekdoten zur Lösungssuche

11. Was kennzeichnet den Pacing-Leading-Prozess?
Wählen Sie 1 Antwort!

    a) Die Benutzung einer besonders bildhaften Sprache
    b) Zunächst werden bestimmte Gesprächsinhalte, Sprachmuster oder Körperhaltungen des Klienten bestätigt; anschließend werden andere Inhalte, Sprachmuster oder Körperhaltungen angeboten
    c) Die Kommunikation mit dem Symptom in Trance

12. Welche Strategien sind kennzeichnend für hypnotische Sprachmuster?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Der häufige Einsatz von Nominalisierungen
    b) Die Benutzung von unbestimmten Verben
    c) Der bewusste Gebrauch von semantischen Fehlgeformtheiten
    d) Das häufige Ansprechen des Klienten mit seinem Namen

13. Was sollte bei der Reorientierung nach der Trance unbedingt berücksichtigt werden?
Wählen Sie 1 Antwort!

    a) Es sollten dieselben Bilder und Metaphern angewandt werden, die auch bei der Trancevertiefung zu Beginn der Hypnose eingesetzt wurden (z.B. eine Treppe hinunter- bzw. hinaufgehen).
    b) Jede Trance sollte mit einem Bild zum „sicheren Ort" beendet werden.
    c) Die Reorientierung sollte vom Pat. allein, d.h. ohne Anleitung durch den Therapeuten, vorgenommen werden.

14. Nennen Sie ein typisches Trancephänomen!

15. Woran erkennt man einen tiefen Trancezustand?
Wählen Sie 1 Antwort!

    a) Armlevitation
    b) Veränderung der Gesichtsfarbe
    c) Zucken der Gliedmaßen

16. Nennen Sie 3 Anwendungsbereiche für die Technik der Visualisierung von somatischen Prozessen!

17. Aus welchem Grund ist der Einsatz von Selbsthypnose besonders effektiv?
Wählen Sie 2 Antworten!

    a) Das Erleben der Selbsteffizienz des Klienten wird durch Selbsthypnose besonders gefördert.
    b) Der Klient kann die erlernten Strategien auch in Alltags- situationen anwenden.
    c) Eine Symptomatik kann mit Selbsthypnose in wenigen Sekunden aufgelöst werden.

18.Welche Schwierigkeiten können bei Anwendung der Technik der Visualisierung von somatischen Prozessen auftreten?
Wählen Sie 3 Antworten!

    a) Geringe Konzentrationsfähigkeit des Klienten aufgrund starker Schmerzen
    b) Eingeschränkte Fähigkeit zur Imagination
    c) Angst vor einer Verstärkung der somatischen Beschwerden
    d) Starke Fokussierung auf den somatischen Prozess

19. Mit welcher hypnotherapeutischenTechnik kann die Funktion einer Symptomatik herausgearbeitet werden?

20. Nennen Sie 2 Kontraindikationen zur Anwendung vonHypnose!

Antworten

1. a+c

2. z.B. diagnostische Hilfe, leichterer Zugang zu Problempatienten, Ermöglichung von Therapieszenen, Ermöglichung von Modifikationen (nur 1 Antwort erforderlich)

3. a+c+d

4. a+b+d

5. z.B. Phobien, PTSD, somatoforme Störungen, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Essstörungen, Nikotinabusus, Adipositas (3 Antworten erforderlich)

6. a+c+d

7. beziehungsorientierteAspekte berücksichtigen, Suggestibilitätstests

8. b

9. a+b+d

10. a

11. b

12. a+b+c

13. a

14. z.B. Armlevitation, Augenkatalepsie, Veränderung des Zeitgefühls, Veränderung des Körperschemas

(nur 1 Antwort erforderlich)

15. a

16. z.B. chronische Schmerzen, Reizdarmsyndrom, Kopfschmerzen, Tinnitus, lobusgefühl, Atembeschwerden und Beklemmungsgefühle bei Ängsten (3 Antworten erforderlich)

17. a+b

18. a+b+c

19. Personifizierung des Symptoms

20. z.B. Psychosen, histrionische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, Epilepsie (2 Antworten erforderlich)

Dr. Anke Pielsticker
Praxis für Psychotherapie
Tal 15 80331 München

Rezesion
Hermann Haken und Günter Schiepek: Synergetik in der Psychologie.Selbstorganisation verstehen und gestalten. Göttingen: Hogrefe
2005, 780 Seiten, mit Begleit-DVD

Mit dem Buch von Haken und Schiepek liegt ein wegweisendes Werk vor, das eine ausführliche Betrachtung des Rezensenten verdient. Thema ist die Anwendung der System- theorie der Synergetik auf die Psychologie. Nach einer Einführung in das Thema von Ordnung und Chaos wird Synergetik als Wissenschaft der Selbstorganisation dargestellt. Es folgen analytische Betrachtungen des menschlichen Gehirns als selbstorganisierendes System, insbesondere auf die Kern- variablen Kognition, Emotion und Verhalten eingehend. Darauf wird die philosophische, erkenntnistheoretische und wissenschaftstheoretische Position der Synergetik diskutiert.

Nach diesen grundlegenden Ausführungen folgen die Kapitel zur Anwendung der Synergetik in der Psychotherapie, der Untersuchung sozialer Systeme, im Management. Ein letztes Kapitel reflektiert Entwicklungen und Perspektiven. Das Buch ist sehr anspruchsvoll, führt aber Leser ohne Kenntnis der Systemtheorien recht verständlich in die Materie ein. Der klinisch-psychologisch bzw. psychotherapeutisch orientierte Leser muss sich erst darüber klar werden, was Systemtheorien mit seinem Beruf zu tun haben, welche Systemtheorien er explizit oder implizit in seinem Denken und Handeln einsetzt. Deshalb sei hier zunächst ein kurzer Exkurs vorangestellt, um dann auf die Ausführungen von Haken und Schiepek einzugehen.

Systemtheorien

Wir unterscheiden zwei verschiedene Varianten der Systemtheorie. Einerseits die Selbstregulationstheorien (controltheories), die von einer Topdown-Regulation ausgehen (Ky- bernetik 1. Ordnung). Betrachten wir die diesbezügliche motivationspsychologische Forschung, so stößt man vor allem auf die umfangreichen Arbeiten von Carver und Scheier (1985, 1998) und Deci und Ryan (1991) und auf Norbert Bischof (1985), aber auch Kanfers (1987, 2000) letzte Formulierung seines Selbstregulationsmodells gehört dazu.

Ein System hat ein vorgegebenes Ziel, das zum Sollwert wird. Dieser wird zur Einstellung an eine Exekutive weitergegeben. Andererseits gibt es die Selbstorganisationstheorien (dynamic theories), die eine Bottom-up-Regulation annehmen, ohne dass ein System einen schon vorhandenen (top- down festgelegten) Sollwert hat (Kybernetik 2. Ordnung).

Die Eigenschaften der Elemente und deren Zusammenwirken bringen eine konstante stabile Struktur hervor, mit neuem konstant werdendem Verhalten des Systems und seiner Elemente. Kleinste nicht vorhersehbare Veränderungen können eine Veränderung des gesamten Systems hervorrufen.

Die kontrolltheoretischen Systemtheorien gehen von einem Regelkreis mit einem negativen Feedback-Loop aus, wie es schon 1960 im TOTE-Modell von Miller, Galanter und Pribram zur Erklärung menschlichen Verhaltens verwendet wurde. Carver und Scheier (1998) entwickelten eine Systemtheorie der Selbstregulation und Emotion, die sich mit zielgerichtetem Verhalten befasst. Diskrepanz zwischen Ist- und Soll- oder Referenzwert mobilisiert zu selbstregulierendem Verhalten. Dieses Monitoring erfolgt in einem feedback loop und einem action loop. Entspricht das Ergebnis nicht der Erwartung, kommt es zu einem positiven oder negativen Affekt. Dieser führt zur aktiven Reaktion (output). Die Autoren gehen von einer hierarchischen Organisation mehrerer Regelkreise aus.

Der Output eines hierarchisch höheren Systems ergibt den Sollwert des nächstniedrigeren Regelkreises. Hierzu eine Anmerkung Schiepeks (persönliche Mitteilung): „Carver und Scheiers Ansatz ist in gewisser Weise ein Spezialfall einer umfassenderen Theorie der Selbstorganisation, denn sie gehen von einem etablierten Ordner aus, der dann als Norm (Sollwert) wirkt und Abgleichprozesse zwischen Ist und Soll anregt. Das tun Menschen im Sinne einer Kohärenzbeurteilung (vgl. unser Generisches Prinzip 2), doch erklärt die Synergetik darüber hinaus das Zustandekommen dieser Ordner (Sollwerte), während kybernetische Ansätze sie einfach postulieren."

Deci und Ryan (1991) gehen davon aus, dass es drei Faktoren gibt, die die Selbstregulation beeinflussen, das Ausmaß an intrinsischer Motivation (was ich gerade mache, macht Spaß), an extrinsischer Motivation (was ich mache, bringt mir positive Konsequenzen wie Anerkennung, Beliebtheit) und Ereignisse und Rahmenbedingungen der äußeren Welt, die selbstregulatives Verhalten modifizieren. Sie können das Motivationssystem entweder in Richtung zunehmender Kontrolle (Fremdbestimmung) oder in Richtung zunehmender Autonomie (Selbstbestimmung und Willensfreiheit) verändern.

Norbert Bischofs Züricher Modell des Motivationssystems bringt eine Heuristik, die für die Psychotherapie relevante Prozesse abbildet (Bischof, 1985, 1993, 1995; Schmid Mast und Bischof, 1999). Er unterscheidet vier Subsysteme: Sicherheit, Erregung, Autonomie und Coping. Das Sicherheitssystem bildet die Bindungstheorie Bowlbys (1975) recht treffend ab. Es ist das früheste entwickelte Motivationssystem. Das Copingsystem wird aktiviert, wenn obige Systeme nicht in der Lage sind, ihre Sollwerte durch automatisiertes Verhalten und ohne emotionale Beteiligung zu erreichen. Bischof unterscheidet drei äußere (assimilative) und zwei innere (akkommodative) Copingstrategien, in Anlehnung an die Begrifflichkeiten von Piaget (Piaget und Inhelder, 1981). Die kognitive Copingtheorie von Lazarus (1975) legt ihren Schwerpunkt auf die Rolle von kognitiven Faktoren beim Coping (Neueinschätzung einer Situation), Bischof hingegen betont motivationale und emotionale Prozesse.

Die heutige systemische Sichtweise (z. B. von Schlippe und Schweitzer, 1996) ging aus den kontrolltheoretischen Systemtheorien hervor, die sich als Kybernetik 1. Ordnung der Beobachtung von Systemen widmete - mit der Frage nach den Prozessen der Herstellung von Homöostase und Systemstabilität. Heute stellt sich die dynamische Systemtheorie als Kybernetik 2. Ordnung der Frage nach den Bedingungen der Veränderung von Systemen. Nicht mehr die Konstanterhaltung interessiert, sondern die Phasenübergänge von einem geordneten stabilen Zustand in einen neuen, wiederum geordneten stabilen Zustand - wobei oft der Übergang irreversibel ist. Maturana und Varela (1987) untersuchten die Autopoiese als innere, autonome Selbstorganisation. Während die Selbstregulationstheorien davon ausgehen, dass der Mensch ein selbstregulierendes Wesen ist, ein System, das eigene Sollwerte bildet und verwaltet, geht das Prinzip der Selbstorganisation einen Schritt weiter, indem es die prinzipielle Unbestimmtheit eines Systems postuliert. Ein System ist nicht von Beginn an konstant, wie es ist. Vielmehr konstituiert es sich ständig neu aus aktuellen Prozessen heraus. Systemisch nennen wir systemtheoretische Modelle, wenn nicht das Individuum, sondern soziale Gebilde das untersuchte System sind. Die Erkenntnis der Autonomie eines lebenden Systems erklärt die beschränkten Einflussmöglichkeiten der Psychotherapie, die die Psyche des Menschen ebenso wenig verändern kann wie der Chirurg den menschlichen Körper. Und sie beinhaltet auch den Umstand, dass nicht nur das beobachtete System Gegenstand der Analyse sein darf, sondern stets Beobachter und von ihm beobachtetes System. Unsere Wahrnehmung konstruiert Wirklichkeit.

Entscheidend war Prigogines Entdeckung von dissipativen Strukturen (Prigogine und Stengers, 1981), die spontan aus ungeordneten Zuständen heraus ohne Einwirkung eines äußeren ordnenden Prinzips entstehen. Allerdings benötigen sie für ihre Stabilität den ständigen Austausch mit der Umwelt. Ihr Gleichgewicht bedarf also der Kommunikation mit der Umwelt. Kleinste Einflüsse der Umwelt (Schmetterlingsflügelschlagen) können bei großer Entfernung vom Gleichgewichtszustand größte Veränderung auslösen. Diesen Effekt kann Therapie zu nutzen versuchen - z. B. indem sie ein System vom Gleichgewichtszustand entfernt

Synergetik als Wissenschaft der Selbstorganisation

Da die Synergetik im Gegensatz zu den bisher genannten Selbstorganisationstheorien das Individuum in seiner Selbstorganisation betrachtet, bringt es auch für die Therapie des Individuums wichtige Impulse.

Haken und Schiepek (2005) erklären das Prinzip der Synergetik zunächst am Phänomen der Laserstrahlen, von deren Erforschung der Erstautor ausging (Haken und Wunderlin, 1991; Haken, 1995). Ungeordnet fluktuierende Gasmoleküle beginnen sich „kooperativ zu verhalten", bis der konstante Laser- strahl entstanden ist. Diese neue Struktur entstand aus ihren Elementen, „versklavt" diese aber nunmehr, sie müssen sich in diese neue Struktur einordnen. Solche neuen Strukturen und Regelmäßigkeiten bzw. stabilen Phasen werden auch Emergenzen genannt. Sie können als konstante Muster identifiziert werden, das einemAttraktor entspricht. Psychotherapie möchte in der Regel den energieaufwendigen Schritt von einem stabilen Zustand in einen qualitativ neuen begünstigen, also von einem Attraktor in einen neuen Attraktor. Dieser energiereiche Moment des Phasenübergangs ist emotions- intensiv. Durch eine bestehende Struktur ist vorgegeben, welche Veränderungen möglich sind. Eine Veränderung ist dann wahrscheinlich, wenn sie zu der vorausgegangenen Struktur passt. Grawe (1998) hat Selbstorganisation aus der Perspektive der Synergetik sehr gut verständlich im Teil 4 seines Buches „Psychologische Therapie" dargestellt, erstaunlicher- weise ohne Haken auch nur einmal zu erwähnen.

Grundbegriffe der Synergetik

Hier sei noch einmal ein kurzer Exkurs erlaubt, der die ständig benutzten systemtheoretischen Begriffe erläutert:

System: „konkrete oder abstrakte Objekte, die
(a) nach außen abgegrenzt sind und
(b) aus einzelnen Teilen bestehen", die aufeinander einwirken können.

Offenes System: „ständige Zu- und Abfuhr von Energie, Materie und/oder Information in einem Zustand außerhalb des thermodynamischen Gleichgewichts". Die äußeren Einwirkungen können deterministischer oder zufälliger Natur sein.

Komplexes System: „aus vielen miteinander wechselwirkenden Teilen besteht, und aus deren Interaktion wir in der Regel kompliziertes Verhalten erwarten dürfen".

Komplexität: Wenn komplexe Systeme ihr makroskopisches Verhalten qualitativ ändern (emergentes Verhalten), lässt sich ihr Verhalten beschreiben.

Emergenz: Emergenz ist „das Hervortreten neuer Eigenschaften (oder Qualitäten) eines Systems".

1. Beziehung Teil - System: So kann das System qualitativ andere Eigenschaften haben als seine Teile (Luft hat Dichteschwankungen, die Schallwellen hervorrufen, seine einzelnen Moleküle haben diese Eigenschaft nicht).

2. System - Verhalten: Ein System kann qualitativ verschiedenes Verhalten zeigen, so kann eine Wasseroberfläche spiegelglatt oder wellig sein. Die Wellenbildung ist eine emergente Eigenschaft des Systems.

Kontrollparameter: Ein Kontrollparameter beschreibt „die Einwirkung der Umgebung auf das betrachtete System" (z. B. die Höhe der Energiezufuhr). Er steuert das System indirekt. Das kann in kritische Bereiche gehen, in denen etwas qualitativ Neues entsteht und das System instabil wird.

Instabilität: Stabilität lässt sich durch dasVerhalten einer Kugel in einer Schale veranschaulichen. Sie kehrt immer wieder an ihren Ausgangspunkt zurück, bzw. es braucht einige Energie, um sie aus ihrer stabilen Lage zu bringen. Auf einem runden Holz- oder Messingknauf bleibt die Kugel nicht liegen, sie rollt herunter, hatte keine stabile Lage. Oder der Boden der Schale ist nicht gerundet, sondern eine große Fläche, dann rollt die Kugel durch Erschütterungen auf dieser Fläche herum und findet ebenfalls keine stabile Lage (kritische Fluktuationen). Werden die Seitenränder der Schale flach, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die Kugel durch eine Erschütterung aus der Schale fällt.

Kritisches Langsamerwerden: Ein Laserstrahl benötigt zu der ihn konstituierenden Ordnung eine Mindestgeschwindigkeit der Gas- oder Rubinkristallatome.Wird ihre Geschwindigkeit langsam, hört der Laserstrahl auf. Denken wir an das Beispiel der Kugel in der Schale mit dem großen flachen, ebenen Boden. Dann bewegt sich die Kugel nur sehr langsam oder gar nicht in ihre Ausgangslage zurück.

Ordnungsparameter (auch Ordner genannt) hat zwei Eigenschaften: Er ist zum einen ein Maß für die Stärke der sich durchsetzenden Konfiguration und zum anderen durch das Versklavungsprinzip gekennzeichnet. So entstehen durch die Energetisierung von Elektronen Lichtwellen, also eine neue Ordnung. Die sich durchsetzende Lichtwelle (Ordner oder Ordnungsparameter) zwingt den Elektronen ihre Bewegung auf (versklavt sie).

Versklavungsprinzip: Das sich aus seinen Teilen ergebende System zwingt diesen seine Dynamik auf. Ihr Verhalten wird vom System bestimmt. Die Lichtwelle erzwingt von den Elektronen ein Bewegungsmuster. D. h., wenige Ordner bestimmen das Verhalten vieler Teilchen.

Zirkuläre Kausalität: Die Einwirkungen von Teil und System sind wechselseitig: Das Zusammenwirken der Teile bildet das System (Ordner). Der Ordner versklavt seine Teile und zwingt ihnen ein bestimmtes Verhalten auf. Betrachtet man nur das Verhalten und die Eigenschaften des Ordners und vernachlässigt seine Teile, so benötigt man nur wenig Information zu seiner Beschreibung (Informationskompression). Betrachtet man nur die Teile ohne Berücksichtigung des Ordners, nimmt man die gegenseitige Einbindung oder Konsensualisierung wahr, als ob sie sich durch ihre Wechselwirkung untereinander ordnen würden.

Zeitskalentrennung: Kontrollparameter betrachten wir als relativ konstant, sich nur sehr langsam verändernd. Ihr Einwirkung auf die Teilchen führt zur Entstehung von Ordnern. Deren Stabilität entspricht einer langsamen Reaktion, während die Teile schnell reagieren. Also gibt es eine Rangordnung der Langsamkeit der Reaktionen: Kontrollparameter - Ordner - versklavte Teile. Bei einer Hierarchie von Ordnern versklavt der oberste Ordner den nächsten usw.

Verhalten eines Ordners: Bildet sich im Boden der Schale z. B. in der Mitte eine Beule nach oben aus wie eine Bergkuppe, die den Boden der Schale in zwei unverbundene Täler trennt, so bildet sich eine Gebirgslandschaft oder Potentiallandschaft des Ordners, in der die Kugel zwei stabile Positionen einnehmen kann (Symmetriebruch). Bewegt sich die Kugel von einem Tal in das andere, also von einem Gleichgewichtszustand in den anderen, so kann man von Phasenübergängen sprechen. In offenen Systemen spricht man von Nichtgleichgewichts-Phasenübergängen.

Nichtgleichgewichts-Phasenübergänge: Wirkt ein Kontrollparameter so auf einen Ordner ein, dass im Bild der Schale ein Teil des Bodens eine kleine erhöhte Kuhle (wie ein erhöht liegender kleiner Bergsee) bildet, so bleibt die Kugel in der Talsohle liegen. Bewirkt der Kontrollparameter eine weitergehende Veränderung des Bodens dahingehend, dass die Kuhle so sehr abflacht, dass sie die Kugel nicht mehr halten kann und die neue Kuhle tiefer wird als die ursprüngliche, rollt die Kugel in diese. In der Zwischenphase (hoch gelegene und tief gelegene Kuhle) blieb sie also in der ersten Kuhle liegen. Macht nun der Kontrollparameter die erste Kuhle wieder tiefer als die zweite, bleibt die Kugel vorerst in der nun höher gelegenen zweiten Kuhle liegen. Erst wenn diese so abgeflacht ist, dass sie die Kugel nicht mehr halten kann und die erste wieder die tiefere Kuhle wird, rollt sie in diese. D. h., dass zwar zweimal die gleiche Mittelphase existiert mit einer hoch gelegenen zweiten Kuhle. Je nach Vorgeschichte bleibt die Kugel aber das erste Mal in der tieferen, das zweite Mal in der höheren Kuhle liegen. Diesen Prozess nennt man Hysterese. Die Talsohle, in der die Kugel stabil liegen kann, heißt Attraktor oder Fixpunkt-Attraktor. Verschwindet wie in obigem Beispiel eine solche Talsohle wieder, so wird sie Quasi-Attraktor genannt. Der Übergang von einem geordneten in einen anderen geordneten Zustand wird auch Ordnungs-Ordnungs-Übergang genannt, der Übergang von einem chaotischen in einen geordneten nennt man Unordnungs-Ordnungs-Übergang.

Verhalten von zwei Ordnern: Bei zwei Ordnern hat die Potentiallandschaft zwei Dimensionen, die eine Phasenebene aufspannen. Ändern sich die Ordner, so bewegt sich die kleine Kugel auf einer Bahnkurve, die Trajektorie genannt wird. Bildet die Potentiallandschaft einen Sattel, so nimmt die Bewegung eine stabile Richtung (sie bleibt auf der tiefsten Linie des Sattels) und eine instabile Richtung (Bewegung von einem Attraktor zum zweiten). Führt die Bewegung wieder zurück zum ersten Attraktor („Die Trajektorien beißen sich in den Schwanz"), so besteht ein Grenzzyklus. Diese stellen Schwingungen dar. Ein stabiler Grenzzyklus besteht, wenn Trajektorien mit der Zeit allmählich auf diese Bewegungsform zulaufen.

Verhalten von drei Ordnern: Drei Ordner weisen zwei weitere qualitativ neue Verhaltensweisen auf, den Torus und den chaotischenAttraktor. Hierbei stellt man den momentanen Wert der drei Ordner durch einen Punkt im dreidimensionalen Raum dar. Haken und Schiepek schlagen vor, dass man sich bei der Vergegenwärtigung vorstellen soll, dass bei diesem Referenzpunkt eine Nähnadel sei, die bei ihren Bewegungen einen unendlich dünnen Faden hinter sich herzieht. Beim chaotischen Attraktor entsteht so ein Fadenknäuel, das in einem endlichen Raum bleibt. Hier ist zweierlei beachtenswert: Zum einen wird der Raum niemals ganz vom Knäuel erfüllt (das Maß für die Raumerfüllung ist die fraktale Dimension). Zum anderen besteht eine kritische Abhängigkeit der Trajektorien von den Anfangsbedingungen. Dabei entfernen sich anfänglich benachbarte Punkte mit exponentiell wachsender Geschwindigkeit. Maß für diese Geschwindigkeit ist der Lyapunov-Exponent. Dafür wird manchmal auch der Begriff des deterministischen Chaos verwendet. Dabei folgt die Bewegung streng deterministischen Gleichungen. Es können dabei aber auch detaillierte Strukturen wie der Rössler-Attraktor oder der Lorenz-Attraktor entstehen. Die neuere Chaosforschung fasst einen chaotischen Attraktor als eine Ansammlung instabiler Grenzzyklen auf. Diese lassen sich stabilisieren, so dass periodisches Verhalten entsteht. Da im Humanbereich keine stationären Prozesse vorliegen, müssen Messreihen mit nichtstationären nichtlinearen Zeitreihenanalysen untersucht werden.

Phänomenologische Synergetik: Für die Untersuchung von Ordnungsparametern sind die mikroskopischen Gesetzmäßigkeiten der Teile in der Nähe von Instabilitätspunkten zu vernachlässigen. Es reicht, die geringe Zahl der makroskopischen Eigenschaften der Ordner zu erfassen.

Das synergetische Modell psychischer Prozesse von Haken und Schiepek

Mit der Kenntnis der Grundbegriffe können wir nun den Autoren weiter folgen: Haken und Schiepek skizzieren zunächst ein Grundschema eines Modells psychischer Prozesse (Abb. 1). Teile der relativen Mikroebene der Betrachtung erfahren durch einen Kontrollparameter eine energetisierende Anregung, die zu qualitativ neuem Verhalten (Emergenz) im Zusammenwirken der Teilchen führt, so dass bei Betrachtung der relativen Makroebene ein makroskopisches Muster eines Ordnungsparameters beobachtbar wird. In einer Bottom-up- Top-down-Kreiskausalität wirkt der Ordner auf die ihn konstituierenden Teilchen zurück, versklavt diese, indem er ihnen seine Dynamik aufzwingt. Das System „sucht sich seine Kontrollparameter aus".

Bei der Betrachtung psychischer Prozesse des Menschen muss davon ausgegangen werden, dass Kontrollparameter im Inneren des Organismus generiert werden. Stimulation durch Ereignisse in der Außenwelt stoßen innere Prozesse an, die deren Relevanz und Bedeutung beurteilen und durch die erst Information entsteht. Durch Top-down-Wirkung, z. B. Sensibilisierung von Wahrnehmungen, werden die Kontrollparameter beeinflusst. Erinnerungen als geronnene Systemgeschichte beeinflussen die Auftretenswahrscheinlichkeit von früheren und von neuen Ordnern. Randbedingungen als Wechselwirkung mit Teilen oder anderen Ordnern oder Systemen wirken als Constraints (Schranken). Sie verändern sich langsamer als Ordner.

Abbildung 1: Das synergetische Modell der Selbstorganisation aus Haken und Schiepek (2005, S. 244, mit freundlicher Genehmigung des Hogrefe-Verlags)

Zigtausende solcher Ordner existieren und triggern sich gegenseitig im Sinne eines Netzwerks. Ordner können durch Zusammenwirken einen hierarchisch höheren Ordner konstituieren. Oder sie können Kontrollparameter eines anderen Ordners werden. „Längerfristig können Kognitions-Emotions-Verhaltens-Muster entstehen, die für eine Person charakteristisch sind und bevorzugt vorkommen. In der Metapher der Potentiallandschaften handelt es sich um Täler einer Landschaft, die unsere Persönlichkeit repräsentiert" (a. a. O., S. 247). Eine gesunde Persönlichkeit zeichnet sich in dieser Hinsicht durch Stabilität und Flexibilität aus.

Grawe (1998, 2004) weist darauf hin, dass vor allem motivationale, emotionale und interpersonale Attraktoren (Ordnungsparameter) bedeutsam sind. Als seinen genuinen Beitrag zur Selbstorganisationsperspektive im klinisch-psychologischen und psychotherapeutischen Kontext kann man die Formulierung eines Störungsattraktors sehen. Im Übrigen gehen seine Ausführungen völlig im oben dargelegten Synergetikansatz auf. Eine psychische oder psychosomatische Symptombildung ist Folge einer Emergenzbildung. Sie hat die Eigenschaften eines Attraktors mit funktioneller Autonomie und Versklavung der Teilbereiche, aus denen sie entstanden ist. Die Bildung eines psychischen Symptoms führt zu- nächst zur Reduktion der Bedürfnisspannung, die zur Bildung des neuen Attraktors geführt hat. Grawe weist allerdings darauf hin, dass es oft zu keiner völligen funktionellen Autonomie kommt, weil die psychosoziale Problemsituation, in der der Patient sein Symptom gebildet hat, weiterhin starke Bedürfnisspannungen erzeugen kann. Deshalb ist esAufgabe der Therapeutin, nach den Quellen dieser Bedürfnisspannung zu suchen und dem Patienten zu helfen, diese Spannung mit anderen Mitteln zu reduzieren. Insofern funktionelleAutonomie entstanden ist, ist störungsspezifisches Vorgehen im Sinne einer Symptomtherapie Erfolg versprechend, da durch sie das Symptom als Attraktor destabilisiert wird. In dem Ausmaß, in dem motivationaleAttraktoren Kontrollparameter des Symptoms sind, ist ein klärungsorientiertes Vorgehen indiziert, das die Betrachtung der Kindheits- und Jugendgeschichte beinhalten kann. Allerdings sei die Klärung von Vergangenheit nur insofern notwendig, als sie heutige Motive, Emotionen und die heutigen Beziehungen beeinflusst. Insofern sei eine Therapie nicht vergangenheits-, sondern gegenwarts- und zukunftsorientiert (S. 525).

Während also die Selbstregulationstheorien davon ausgehen, dass das Ziel die Wiederherstellung eines stabilen Systemzustands ist, und sich mit der Art befassen, wie ein System wieder Homöostase herstellt, untersuchen die Selbstorganisationstheorien, wie Systeme instabil werden und auf welche Weise Phasenübergänge ablaufen, die ein System in einen neuen Gleichgewichtszustand bringen. Man hat den Eindruck, dass beide Theorieansätze sich ergänzen, und kann die Vermutung äußern, dass beide Arten von Systemprozessen existieren (Carver, 2004). Dies bedeutet aber, dass das menschliche Gehirn für beide Regulationsarten ausgerüstet ist und dass ihm beide Regulationsprinzipien eigen sind. Wir können auf keinen Fall die Existenz der Selbstregulation leugnen, dafür gibt es in der Biologie zu viele Beispiele wie die zahlreichen Sollwerte des menschlichen Körpers, die mit nur geringen Toleranzbreiten exakt eingehalten werden müssen, um den Menschen am Leben zu erhalten wie Blutdruck, Körpertemperatur, Blutzuckerspiegel, Sauerstoffgehalt des Blutes etc. Betrachten wir also den einzelnen Menschen während des Zeitraums seines Lebens, so finden wir die Top-down- Selbstregulation mit dem Ziel, physiologische und biochemische Sollwerte einzuhalten oder wiederherzustellen, als ein dominierendes Regulationsprinzip vor. Bei der Betrachtung von psychischen Prozessen sind wir jedoch geneigt, dem Prinzip der Bottom-up-Selbstorganisation in wichtigen Bereichen zu folgen, sei es bei der menschlichen Entwicklung im Kindesund Jugendalter, sei es bei der Entwicklung von Familiensystemen, aber auch bei der Veränderung der Persönlichkeit oder der Entstehung von psychischen und psychosomatischen Symptomen.

In dem Kapitel über die Anwendungen in der Psychotherapie wird deutlich, dass hier völlig neue Forschungsparadigmen entstehen, die die Therapieforschung der nächsten Jahrzehnte revolutionieren werden. Die methodischen Probleme der Änderungsmessung in der Psychotherapie haben eine lange und wenig erfreuliche Geschichte. Dagegen gibt es wohl keinen hoffnungsvolleren Ansatz zur Erforschung von therapeutischen Veränderungen als den der Synergetik. Besonders beeindruckend sind die Beispiele zum computerbasierten Prozessmonitoring in der Psychotherapie. Die Synergetik ist therapieschulenübergreifend. Entscheidend für den Profit ist, wie weit die Therapieschule Fenster und Türen öffnet, ohne Angst zu haben, dass Eindringendes das Schulgebäude abreißt. Nach der Lektüre wissen wir, dass Grawe - dessen Buch (1998) ist durch und durch geprägt von diesem Denken - als unerschrockener Therapieforscher einer der ersten Schüler dieser Theorie war.

In der vorliegenden Zeitschrift können zwangsläufig die nichtpsychotherapeutischen Anwendungsbereiche nur gestreift werden. Dabei ist das Kapitel über soziale Systeme für Psychotherapeuten absolut relevant, nicht nur weil die therapeutische Beziehung untersucht wird, sondern auch wegen der Betrachtungen von Paar- und Gruppendynamik, von Prozessen des Problemlösens in Gruppen und von Gewalt in Gruppen.

Nicht minder attraktiv sind die Ausführungen zur Anwendung der Synergetik im Managementbereich. Psychotherapeuten, die als Supervisor oder Coach für das Management tätig sind (vgl. Hauke und Sulz, 2004), finden hier eine kreative theoretische Basis für effektive Strategien im Management, ob es nun um das Thema Komplexität, Change Management oder Prozessmanagement geht. Im letzten Kapitel wird noch einmal auf die Methode des Real Time Monitorings eingegangen als Instrument für Forschung und Praxis.

Fazit: Ein Buch, das geistig herausfordert, das zwingt, den eigenen Horizont zu überprüfen und schließlich zu erweitern. Besser jetzt zu Beginn einer wissenschaftlichen Wende als so

spät, dass hinter dem fahrenden Zug hergeschaut werden muss. Man muss zwar nicht auf jeden Zug aufspringen, aber dieser Zug verspricht eine interessante Reise.

Literatur

Bowlby J (1975): Bindung. Frankfurt: Fischer

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Dr. Dr. Serge K. D. Sulz
Nymphenburger Str. 185 80634 München
E-Mail: cipmedien@aol.com

Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen:              
Das Beispiel des Stotterns

Disorders of Speech, Language and Voice: The Example of Stuttering

Jürg Kollbrunner, Sylvia Sassenroth-Aebischer

    Zusammenfassung

    Störungen von Sprache, Sprechen und Stimme sind bei Kindern weit verbreitet. Bei Therapiebedürftigkeit werden die betreffenden Kinder meist von spezialisierten Fachleuten – Phoniatern, Sprachheilpädagogen und Logopäden – behandelt, am häufigsten in Form einer verhaltenstherapeutisch orientierten Übungstherapie. Da aber viele Kommunikationsstörungen auch Symptome einer hintergründigen Beziehungsproblematik sind, stossen Fachleute, die nicht psychotherapeutisch ausgebildet sind, oft an Grenzen. Umgekehrt sind Kinder- und Jugendpsychotherapeuten manchmal unsicher, wie weit sie für die Behandlung von Kindern mit Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen auch zuständig sein sollten. Am Beispiel des Stotterns wird gezeigt, dass die Behandlung aller Arten von Kommunikationsstörungen in die Kompetenz beider Fachbereiche gehört, sofern sich der Psychotherapeut über Sprach- Sprech- und Stimmstörungen genügend informiert und die Logopädin oder Sprachheilpädagogin gewillt ist, sich in Richtung psychotherapeutischen Denkens und Handelns weiterzubilden.

    Schlüsselwörter Störungen der Sprache, Sprechen, Stimme, Stottern, Beziehungsstörung, Logopädie, Sprachheilpädagogik

    Summary

    Disorders of language, speech or voice are widespread among children. Mostly they get diagnosis and therapy by specialists for verbal and written communication – phoniatricians and speech-language therapists. But many disturbances of communication are not only dysfunctions which can be corrected with exercises. They are also symptoms of disturbed interpersonal relations. This fact can lead language and speech therapist to their limits. On the other hand psychotherapist sometimes don’t know to which extend they also should be competent for the therapy of disorders of language, speech or voice. The example of stuttering serves here to illustrate the qualifications under which professionals of both groups are appropriate contact persons for most disorders of communication.

    Keywords disorder of language, speech, voice, stuttering, disturbed interpersonal relations, speech therapists

Die Funktionale Familientherapie: Ein effektives klinisches Behandlungsverfahren

The Functional Family Therapy: an Effective Clinical Treatment

Hans-Peter Heekerens

    Zusammenfassung

    Die Funktionale Familientherapie (FFT) ist ein familienfokussiertes klinisches Behandlungsverfahren, das drei theoretische Perspektiven – die systemische, die behaviorale und die kognitive – vereint und als dreiphasiges Modell konzipiert ist, bei dem in jeder einzelnen Phase Assessment und Intervention Hand in Hand gehen und das eine Rückkehr in eine frühere Behandlungsphase im Bedarfsfall explizit vorsieht. Der FFT geht es sowohl um kognitive Änderungen (kognitive Perspektive) als auch um Verhaltensänderungen (behaviorale Perspektive). In den diagnostischen und therapeutischen Blick geraten dabei (systemische Perspektive) Bedeutung und Funktion des problematischen Verhaltens des jeweiligen (Index-)Patienten. Das theoretische Konzept und das praktische Vorgehen der FFT werden anhand eines ausführlichen Fallbeispiels illustriert. Die FFT ist aufgrund zahlreicher Evaluationsstudien bei folgenden Problemlagen im Jugendalter als wirksames (efficacious), effektives (effective) und effizientes (efficient) klinisches Behandlungsverfahren anzusehen: Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Störungen des Sozialverhaltens bis hin zur Delinquenz.

    Schlüsselwörter Familientherapie – Jugendlichenpsychotherapie – Alkoholmissbrauch – Drogenmissbrauch – Störungen des Sozialverhaltens – Delinquenz

    Summary

    Functional Family Therapy (FFT) is a family-focused clinical treatment which combines three theoretical perspectives: the systemic, the behavioural and the cognitive. FFT uses all three phases; in each phase assessment and intervention work together, and going back to an earlier phase is explicitly suggested depending on the particular case. FFT aims at cognitive changes (cognitive perspective) as well as changes in behaviour (behavioural perspective). The meaning as well as the function of the problematic patient behaviour is considered therapeutically and diagnostically. Both the theoretical concept and the practical approach of FFT can be experienced by means of a detailed case study. FFT has shown itself to be an efficacious and effective as well as efficient clinical treatment, especially for difficult situations in adolescence: alcohol and drug abuse, behavioural or social disorders and delinquency.

    Keywords family therapy – psychotherapy for adolescents – alcohol abuse – drug abuse – behavioural disorders – delinquency

Familien-Psychoedukation als Rückfallprophylaxe bei Schizophrenie:    
Wirkung und Wirkungsweise

Family Psychoeducation for Schizophrenia: Effect on Relapse

Hans-Peter Heekerens und Maria Ohling

    Zusammenfassung

    Die bis Ende 2004 erschienenen Sekundäranalysen zur Wirkung und Effektivität von Familien-Psychoeduaktion als Rückfallprophylaxe bei Schizophrenie werden auf ihre methodische und Ergebnisseite hin betrachtet. Methodenkritische Skeptiker dürfen mit einigem Grund behaupten, dass wir über die rückfallprophylaktische Wirkung bei Schizophrenie von Familien-Psychoedukation (noch) nichts Gesichertes sagen können, weil bei den Sekundäranalysen die Störungsspezifität fraglich und die Treatment-Spezifität nicht gewährleistet ist; hinzu kommt, dass unser Wissen weitgehend auf Ergebnissen von “Labor”-Studien beruht und der Vergleichmaßstab Fragen aufwirft. Gewichtet man diese methodenkritischen Bedenken als gering, dann lässt sich sagen, dass Familien-Psychoedukation auf 1-Jahres-Sicht im Vergleich sowohl mit Standardbehandlung als auch Alternativbehandlung den Rückfall bei Schizophrenie in statistisch signifikanter und klinischer bedeutsamer Weise absenkt. Wie sie das tut (Frage der Wirkungsweise), ist aber unklar, wie die Sichtung relevanter Forschungsbefunde zeigt.

    Schlüsselwörter Psychoedukation – Familie – Schizophrenie – Rückfall – Ergebnisforschung – Prozessforschung

    Summary

    The efficacy and effectiveness of family psychoeducation (as published in secondary analysis at the end of 2004) in reducing a relapse of schizophrenia is evaluated. This evaluation takes into account the methods as well as the outcome. Sceptics who do not value the methods used will rightly say that we simply have not learned enough about family psychoeducation and its efficacy/effectiveness concerning the reduction in relapse of schizophrenia. The specificity of disorder and treatment cannot be guaranteed. Furthermore, our experience with this method is mainly based on results of laboratory studies and the measure of comparison is not 100% applicable. If we disregard these critical thoughts concerning the method, we can say that family psychoeducation does indeed reduce the relapse of schizophrenia over the period of one year to a significant amount (from a statistical and clinical point of view). This holds true when compared with standard treatment or other alternatives. However, it is unclear how this reduction in relapse happens, as can be seen from relevant scientific research.

    Keywords psychoeducation – family – schizophrenia – relapse – outcome research – process research

Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz von Familientherapie      

Efficacy, Effectiveness and Efficiency of Family Therapy

Hans-Peter Heekerens

    Zusammenfassung

    Es wird dargestellt, was unter Wirksamkeit, Effektivität und Effizienz als unterschiedlichen Effekt-Indikatoren bei der Evaluation von Familientherapie zu verstehen ist. Einzelne familientherapeutische Entwürfe können danach unterschieden werden, ob sie als evidenzbasierte Modelle oder als Ansätze ohne bislang erfolgte Evidenzbasierung anzusehen sind. Es ist festzuhalten, dass es sehr wenige evidenzbasierte familientherapeutische Modelle gibt; sie sind wirksam, effektiv und effizient bei externalisierenden Störungen im Jugendalter. Ergänzend zur Outcome – wird auch die Prozessforschung zur Familientherapie ins Auge gefasst. Am Beispiel der Funktionalen Familientherapie wird gezeigt, wie Outcome- und Prozessforschung bei Familientherapie betrieben wird.

    Schlüsselwörter Familientherapie – Wirksamkeit – Effektivität – Effizienz – Ergebnisforschung – Prozessforschung

    Summary

    This article shows what we mean by efficacy, effectiveness and efficiency in their role as different effect indicators in the evaluation of family therapy. We can differentiate between various family therapy approaches, whether they are based upon clear evidence or still operate without „scientific proof” and evidence. It has become clear that there are not many distinct evidence-based family therapy models. They are efficacious, effective and efficient mainly with externalised disorders in adolescence. In addition to the analysis of the outcome, the process is also analysed in family therapy. The example of Functional Family Therapy shows how the outcome as well as the process analysis are used in family therapy.

    Keywords family therapy – efficacy – effectiveness – efficiency - outcome research - process research

Leistungsprobleme von Kindern und Jugendlichen:                              
Indikation Familientherapie laut Systemisch Orientiertem Erhebungsinventar

Achievement Deficiencies: The Indication of Family Therapy according to a Systemic-based Interview Guide

Klaus D. Kubinger, Stefana Holocher-Ertl und Martina Frebort

    Zusammenfassung

    Der bereits seit einiger Zeit eingesetzte Gesprächsleitfaden von Kubinger (2001), das Systemisch Orientierte Erhebungsinventar, wird hier vorgestellt und in Bezug auf seinen wesentlichen psychologisch-diagnostischen Beitrag zur Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen im speziellen Zusammenhang mit Leistungsproblemen von Kindern und Jugendlichen illustriert. Es verspricht selbst bei Personen ohne einschlägige Therapieausbildung und vor allem bei wenig routinierten Praktiker(inne)n, dass sie die Indikation für eine Familientherapie erkennen.

    Schlüsselwörter Systemische Therapie – Gesprächsleitfaden – Leistungsversagen – Hochbegabung

    Summary

    An interview guide for children and juveniles which is based on Systemic Therapy will be presented. It serves as an instrument for the exploration within any psychological assessment, almost irrespective of the given problem. In this paper, its application in a case of certain achievement deficiencies will be evaluated. It is concluded that this interview guide is of important use regardless of whether or not the psychologist is acquainted with Systemic Therapy. Even practitioners who are not acquainted with Systemic Therapy are likely to advise family therapy if actually indicated.

    Keywords Systemic Therapy – interview guide – under-achievement – high ability

Beziehungsdiagnostik mit der GARF-SkalaEin Plädoyer für die interpersonelle  
Perspektive nicht nur in der Mehrpersonen-Psychotherapie

Rational Diagnostics by the GARF-Scale. Pleading for the Interpersonal Perspective not only in Multiperson-Psychotherapy

Michael Stasch, Manfred Cierpka

    Zusammenfassung

    Die GARF-Skala (Skala zur globalen Erfassung des Funktionsniveaus von Beziehungen) stellt eine Methode zur Beschreibung und Quantifizierung des Beziehungsumfeldes dar, in dem Personen leben und in dem ihre Probleme auftreten. Das Instrument besteht aus den drei Dimensionen Problemlösung, Organisation und emotionales Klima. Im Artikel werden der Hintergrund der Skala, ihr Aufbau und Untersuchungen zur Reliabilität und Validität dargestellt. Erfahrungen mit der deutschsprachigen Version der GARF-Skala, die in einigen Studien eingesetzt wurde, führen schließlich zu der Aussage, dass dieses einfache Instrument in der Praxis und in der Ausbildung, hauptsächlich jedoch in der Forschung eine größere Verwendung finden sollte.

    Schlüsselwörter Beziehungsdiagnostik – Psychotherapie – Psychotherapieforschung

    Summary

    The GARF Scale (Global Assessment of Relational Functioning Scale) is a method to describe and quantify the relational context in which persons live and in which their problems arise. This instrument consists of the three dimensions: problem solving, organization and emotional climate. The present article describes the background of the scale, its structure and studies regarding its reliability and validity. Experiences gained by the German version of the GARF Scale, which had been applied in some studies, finally state that this simple instrument should be applied on a larger scale in practice and training, most of all, however, in the field of research.

    Keywords relational diagnosis – psychotherapy – psychotherapy-research

Tiefenpsychologisch orientierte Familienberatung –                            
Zur Methodik des Erstgesprächs am Beispiel einer Erziehungsberatung

Psychodynamic family therapy and family counselling – Method of first interview

Achim Haid-Loh

    Zusammenfassung

    Aus Sicht der Tiefenpsychologie werden Zugangswege zur und Verstehensebenen der unbewussten Dynamik familiärer Konflikte dargestellt. Am Beispiel eines Falles aus der Erziehungsberatung werden anwendungsbezogen die notwendigen methodischen Schritte zur Durchführung eines wirksamen Erstgespräches in der Familienberatung erörtert. Die Art und Weise der Einbeziehung der Kinder in familientherapeutische Settings wird problematisiert und anhand neuerer empirischer Befunde kritisch diskutiert.

    Zentrale Konzepte psychoanalytischer Familientherapie, wie die Förderung einer positiven Übertragung, emphatisches und szenisches Verstehen sowie die Analyse der Übertragungs- und Gegenübertragungsbeziehungen, werden veranschaulicht und erweisen sich als effektive Schlüssel zur Diagnostik und Behandlung familiärer Konflikte.

    Schlüsselwörter Methodik des Erstgesprächs – szenisches Verstehen – Übertragung/Gegenübertragung – diagnostisches und beraterisch-therapeutisches Arbeitsbündnis – Kinder im Familiensetting

    Summary

    An approach to the unconscious dynamics of family conflicts and how to understand them is represented from a psychoanalytical point of view. Methodical steps applied in the first interview with a family are demonstrated, analysing a case from a child guidance clinic.

    The author discusses the lack of methodologically well-founded considerations on how to involve the children in the family therapy talk, presenting results of a German explorative study.

    Key concepts of psychoanalytically oriented family therapy are discussed, e.g. support of positive transference, emphatic and scenic understanding, analysis of transference and counter-transference. They will be shown as effective keys for both diagnostic testing and treatment of family conflicts.

    Keywords method of first interview – scenic understanding – transference/counter-transference – diagnostic therapeutic team work (alliance) of the counsellor – children in family therapy

Die Mehrgenerationenperspektive in der psychotherapeutischen Praxis     

Transgenerational Perspectives in Psychotherapy

Peter Kaiser

    Zusammenfassung

    Lebensprobleme sind stets auch Generationenprobleme: Eltern geben ihr genetisches und soziales Erbe an ihre Kinder weiter, die Prägung und Einfluss ihrer Herkunftsfamilien kaum abschütteln können. Zugleich sind Eltern und Kinder sowie deren Nachkommen einander meist lebenslang primäres Unterstützungssystem und für Gesundheit und Wohlbefinden von höchster Bedeutung. Dabei bergen diese Bindungen zahlreiche Risiken und Anfälligkeiten. Psychotherapeutische Arbeit kann daher von einer sorgsamen Berücksichtigung der Chancen und Gefahren familialer Generationenbeziehungen in der Zukunft sehr profitieren. Hierzu werden Ansätze, Befunde und Strategien erläutert.

    Schlüsselwörter Mehrgenerationen-Familientherapie – Generationenbeziehungen – Genogramm – genographische Mehrebenenanalyse – familiale Lebensqualität – familiale Funktionsfähigkeit – Familienkompetenz

    Summary

    Life problems are inter-generational problems, too. Since parents give children their genetic and social heritage, nobody is independent of this heritage during his/her lifespan. Simultaneously, parents, children, and grandchildren form a lifelong primary mutual aid network. For their well-being and health the other members of the family are of great significance. At the same time, these relationships are highly risky and susceptible to conflicts. Psychotherapy can be useful in many ways being aware of the resources and risks of inter-generational relationships. Approaches, results, and strategies for handling inter-generational problems and developing perspectives for a good future will be presented and discussed in this article.

    Keywords trans-generational family therapy – inter-generational relationships – geneogram – genographical multi-level analysis -– quality of family life – family competence

Förderung der ErziehungskompetenzMethoden und Interventionen          
zur Stärkung elterlicher Kompetenzen und Fähigkeiten für die Erziehung

Promoting Parenting Skills Psychotherapeutic Methods and Interventions for the Strenghtening of Parental Skills and Abilities

Helmut Adler

    Zusammenfassung

    Die Notwendigkeit der Stärkung der Ressourcen und Kompetenzen von Eltern wurde in den vergangenen Jahren verschiedentlich diskutiert und betont (teilweise wird dieses Thema auch von Medien aufgegriffen).

    In der wissenschaftlichen Diskussion zu Verfahren der Kinderpsychotherapie bildet das Thema seit langem einen Schwerpunkt. Es wird betont, dass in vielen Fällen eine Beratung der Eltern (parallel zur Therapie mit dem Kind) dringend notwendig erscheint, um die Fortschritte der der Kinder durch die Therapie dauerhaft zu stabilisieren. Der Beitrag stellt vor allem methodische Vorgehensweisen für die Förderung der elterlichen Erziehungskompetenz vor. Es werden Interventionen zur Förderung der Erziehungskompetenz von Eltern beschrieben, die im Rahmen von Familienberatung einsetzbar sind. Außerdem werden verhaltenstherapeutische Grundlagen erörtert sowie Beispiele für deren Anwendung zur Stärkung elterlicher Kompetenzen angeführt.

    Schlüsselwörter Förderung elterlicher Ressourcen - Förderung der Erziehungskompetenz – Eltern- und Familienberatung – Verhaltenstherapie – Methoden und Interventionen

    Summary

    The necessity of empowering parents through the strengthening of resources and parenting skills has been a topic of frequent discussion in recent years (including the mass media). Scientific investigation in the field of child psychotherapy has indicated that parent counselling appears to be a significant contribution with regard to the increased stability of positive effects of child psychotherapy.

    This article focuses mainly upon psychotherapeutic methods for the empowerment of parental resources. Interventions aimed at improving parenting skills within the parent counselling framework are outlined. Furthermore, the fundamental principles of behaviour psychotherapy are described, as well as examples of their application, offering significant opportunities for the empowerment of parents.

    Keywords empowering resources of parents - strengthening of parenting skills - parent and family counselling - behaviour therapy - methods and interventions

Pesso-Therapie und systemische Therapie                  

Pesso-Therapy (PBSP) and Systemic Therapy

Barbara Fischer-Bartelmann

    Zusammenfassung

    Wie ich in diesem Artikel zeigen werde, sind Theorie und therapeutische Vorgehensweise der Pesso-Therapie mit systemischem Gedankengut ausgezeichnet kompatibel. Die Pesso-Therapie erlaubt eine Ausweitung des systemischen Ansatzes auch auf solche Systeme, die der Vergangenheit angehören und daher einer direkten Intervention nicht mehr zugänglich sind (Ursprungsfamilie, Mehrgenerationenperspektive). Sie beschreibt differenziert, welche Auswirkungen die dort und damals erlebten, beobachteten oder berichteten Interaktionen einerseits auf die Organisation des individuellen psychischen Systems und andererseits auf Beziehungen hier und jetzt haben. Indem die Pesso-Therapie gezielt alternative Erinnerungen an „heilsame” Interaktionen in der Ursprungsfamilie konstruiert, beeinflusst sie Symptome auf diesen beiden Ebenen in der Gegenwart analog zu der Weise, wie es eine hypothetische direkte Therapie des damaligen Systems getan hätte.

    Schlüsselwörter Pesso-Therapie – PBSP – Psychotherapie – systemische Therapie – Ursprungsfamilie – Mehrgenerationenperspektive

    Summary

    I will demonstrate in this article that both theory and therapeutic practice of Pesso-Therapy (Pesso Boyden System Psychomotor, PBSP) are excellently compatible with the systemic approach and allow its extension even to such systems that belong to the past (family of origin, multi-generational perspective) and are no longer accessible to direct intervention. PBSP gives a detailed account of how interactions which were experienced, observed or reported there and then will affect the organization of the individual’s psyche and consequently also his or her relationships here and now. Via the construction of synthetic memories of alternative „healing” interactions in the family of origin, PBSP influences present psychological and relational symptoms in a way that is equivalent to the effect of a hypothetical intervention in the past system

    Keywords Pesso-Therapy – PBSP – psychotherapy – systemic therapy – family of origin – multi-generational perspective

 

 

 

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Heft 1 - 2006
Familien in Beratung und Therapie