Themenhefte : Psychotherapieforschung, Persönlichkeitsstörungen

Mutter-Kind-Interaktion und postpartale Depression Theorie und Empirie im Überblick
Corinna Reck, Matthias Backenstraß, Eva Möhler,  Aoife Hunt, Franz Resch, Christoph Mundt1

    Schlüsselwörter: Mutter-Kind-Interaktion - postpartale Depression - Still-Face-Situation - prozedurale Prozesse - Video-Mikroanalyse

    Zusammenfassung: Die Relevanz des Forschungsgebietes ergibt sich aus der in mehrfach nachgewiesenen Bedeutsamkeit der postpartalen Depession für die kindliche emotionale und kognitive Entwicklung sowie aus dem potenziellen Einfluss interaktioneller Faktoren auf die Entstehung und den Verlauf der postpartalen Depression. Ein häufig verwendetes experimentelles Paradigma zur Untersuchung spezifischer früher Interaktionsmuster zwischen Mutter und Kind ist die von Tronick und Mitarbeitern (1978) entwickelte Still-Face-Situation. Die Interaktionen zwischen postpartal depressiven Müttern und ihren Kindern sind durch Negativität, mangelnde Responsivität, Passivität oder Intrusivität, Rückzugs- und Vermeidungsverhalten sowie ein geringes Ausmaß an positivem Affektausdruck geprägt. Im Widerspruch dazu stehen die Ergebnisse einiger Studien, in denen die beschriebenen schweren Störungen in der Mutter-Kind-Interaktion und kindliche kognitive Entwicklungs- verzögerungen im Rahmen der postpartalen Depression nicht nachgewiesen werden konnten. Therapeutische Ansätze zur Behandlung von Interaktionsstörungen in der Mutter-Kind-Dyade sowie Evaluationsstudien werden vorgestellt. Abschließend erfolgt unter Fokussierung der prozeduralen Ebene des interaktionellen Austausches eine Diskussion möglicher Konsequenzen für die Psychotherapie mit Erwachsenen.

    Keywords: Mother-child-interaction - postpartum depression - Still-Face-Situation - procedural processes - video-microanalysis -

    Summary: The relevance of this area of research lies in the much proven significance of postpartum depression in the child’s emotional and cognitive development as well as in the potential influence of interactional and child-based factors on the genesis and course of postpartum depression. A frequently used experimental paradigm for the investigation of specific early interaction patterns is the Still-Face-Situation developed by Tronick et al. (1978). Interactions between mothers with postpartum depression and their children are characterised by negativity, reduced responsivity, passivity or intrusiveness, withdrawal and avoidance as well as diminished expression of positive affect. However, these findings could not be confirmed in other studies. We present basic therapeutic approaches for the treatment of disturbed interactions in the mother-child dyad as well as the results of evaluation studies. Finally we discuss the possible consequences of postpartum depression for psychotherapy with adults, focusing on the procedural level of the interactional exchange.

    Anschrift: Dr. phil. Dipl.-Psych. Corinna Reck
    Psychiatrische Klinik der Universität Heidelberg
    Voßstr. 4 • 69115 Heidelberg
    Tel. 06221-564465 • Fax: 06221-561741
    e-mail: corinna_reck@med.uni-heidelberg.de

     

Anforderungen des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie an den Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsnachweis und der Mangel an entsprechenden Studien
S. O. Hoffmann, J. Margraf

     

Messung und Sicherstellung der Manualtreue (treatment-integrity) in kontrollierten Therapiestudien
Dietmar Schulte

    Schlüsselwörter: Psychotherapieforschung - Therapiemanuale - Manualtreue - Forschungsmethoden - Forschungskosten

    Zusammenfassung: Zielsetzung: Therapiemanuale sollen gewährleisten, dass die geplanten Treatments auch tatsächlich durchgeführt werden. Um zu überprüfen, inwieweit das gelungen ist, ist die Manualtreue (manual fidelity or adherence) zu messen. Da anderer-seits die Umsetzung von Methodenregeln grundsätzlich eine Anpassung an die jeweiligen Gegebenheiten erfordert, sollte zumindest bei der Überprüfung der Effektivität neu entwickelter Verfahren auch die entsprechende Kompetenz der Therapeuten eingeschätzt und in Rechnung gestellt werden.
    Methoden: Einschätzungen der Manualtreue durch den jeweiligen Therapeuten und auch durch Supervisoren spiegeln nicht zuletzt ihre Intentionen und nicht unbedingt ihr tatsächliches Verhalten wider; die Korrelationen zwischen solchen subjektiven Einschätzungen und objektiven Sitzungsprotokollen liegen unter .30. Die objektivste Methode sind Verhaltensbeobachtungen oder - falls die Kriterien nicht verhaltensnah zu definieren sind - Ratings durch geschulte Fremdrater in Hinblick auf definierte erforderliche und auch - vor allem bei Vergleichsstudien - verbotene Merkmale der Methode. Die Kosten solcher Maßnahmen werden beispielhaft ermittelt.
    Die Einschätzung der Kompetenz der Therapeuten bei der Methodenanwendung kann nur durch Therapeuten mit entsprechender Erfahrung erfolgen und ist entsprechend teurer.

    Keywords: Psychotherapy research - treatment manuals - treatment integrity - research methods - research costs

    Summary: Target: The purpose of treatment manuals is to assure that treatment methods are really applied as planed. The manual fidelity has to be measured to check this issue. On the other hand, the application of methodological rules needs to be adjusted to the given circumstances during therapy. That’s why the quality control of at least newly developed treatment methods should also take into account the competency of the therapist.
    Results: The assessment of manual fidelity by therapists and supervisors reflects their intentions and not necessarily their actual behavior. The correlation between subjective assess-ments and objective session records is less than .30. The most objective methods are behavior observation or - if the categories can not be defined as observable behavior - ratings by qualified raters. They have to check initially specified required and also - mainly important for comparative studies - forbidden features of the applied methods. An calculation of the costs of such ways of assessment is attached.
    Highly experienced therapists can only do the assessment of the therapist’s competence concerning the accurate application of the therapeutic methods, which certainly raises the costs.

    Anschrift:Prof. Dr. Dietmar Schulte
    Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum
    Universitätsstr. 150
    44780 Bochum
    Tel. 0234-700-3169 • Fax: 0234-3214304
    e-mail: Schulte@kli.psy.ruhr-uni-bochum.de

     

Die Plazebokontrollgruppe in der Psychotherapieforschung
Martin Hautzinger

    Schlüsselwörter: Psychotherapieforschung - Plazebo - Kosten/Nutzen

    Zusammenfassung: Kontrollgruppen und Plazebobedingungen störende Einflüsse, unspezifische Interventionsaspekte und Verzerrungen z. B. beim Einschluss von Patienten kontrollieren. Je nach Fragestellung sind unterschiedliche bzw. mehrere Kontrollbe-dingungen erforderlich. Will man nachweisen, dass Effekte auf spezifische Elemente zurückgehen, dann ist eine Plazebo-kontrolle erforderlich. Dieser Beitrag diskutiert diese "Plaze-bobedingung" im Rahmen der Psychotherapieforschung, arbeitet die Probleme heraus und stellt einige (eigene) Beispiele als Lösungsmöglichkeiten dar. Abschließend wird auf die finanziellen Belastungen von "Plazebobedingungen" in der Psychotherapieforschung eingegangen.

    Keywords: Mother-child-interaction - postpartum depression - Still-Face-Situation - procedural processes - video-microanalysis -

    Summary: Control groups and placebo controls are necessary to control all kind of biases, non-specific aspects of intervention, and intended influences. It depends on the research goals how many and what kind of control groups have to be designed. If researchers have the intention to demonstrate that certain effects (e.g. improvements) ar the result of specific rather tan non-specific treatment variables, placebo controls are a "sine qua non". I discuss the possibility of placebo conditions in psychotherapy research, address several methodological problems and illustrate som solutions with examples of own treatment sudies. The paper closes with financial calculation and the costs of "placebo controls" in psychotherapy research.

    Anschrift: Prof. Dr. Martin Hautzinger
    Universität Tübingen, Psychologisches Institut
    Abt. f. Klinische Psychologie
    Christophstr. 2 • 72072 Tübingen
    Tel. 07071-2977301
    Fax: 07071-360205
    e-mail: martin.hautzinger@uni-tuebingen.de

     

Multizentrische Psychotherapiestudien in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Psychotherapeuten
M. Linden, D. Zubrägel

    Zusammenfassung: In der Psychotherapieforschung sind einzelne Institutionen überfordert, wenn größere Patientenzahlen in kürzerer Zeit rekrutiert und behandelt werden sollen, weshalb derartige Studien, ähnlich wie in der Arzneimittelforschung auch bei kontrollierten Psychotherapieprüfungen, als sogenannte multizentrische Studien durchgeführt werden können. Dies bedeutet, dass über eine zentrale Forschungsorganisation ermöglicht wird, die Untersuchung an verschiedenen Orten gleichzeitig mit mehreren Prüfern bzw. Psychotherapeuten durchzuführen. Die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Therapeuten ermöglicht zugleich auch, dass fachlich prototypische Behandler die Therapie durchführen und die Studienergebnisse eine höhere Generalisierbarkeit bekommen. Ein solcher Forschungsansatz erfordert jedoch ein aufwendiges Rekrutierungsvorgehen, spezielle Maßnahmen zur Qualitätssicherung und ein striktes Studienmanagement. Die bei diesem Vorgehen entstehenden Kosten liegen im Größenbereich von Pharmakotherapieprüfungen. Im Hinblick auf das Psychotherapeutengesetz in Deutschland und die Notwendigkeit von Wirksamkeits- und Unbedenklichkeitsnachweisen auch bezüglich psychotherapeutischer Interventionen als Voraussetzung einer Zulassung als Heilverfahren erscheinen solche großangelegten Studien unverzichtbar.

    Summary: It is difficult to find sufficiently large enough numbers of patients for controlled clinical psychotherapy trials in any single institution. Similar to drug trials collaborative multicenter studies can also be performed in psychotherapy research. This requires a central research organization which allows to do the study parallel in different sites and in collaboration with different therapists. The collaboratioin with therapists in private practice allows to have treatment done by experienced therapists which are representative for their field. This type of research needs special efforts for the recruitement of therapists and patients, quality control, and study management. Costs are similar to controlled drug trials. In regard to the German Psychotherapy law such large studies are necessary to prove efficacy and safety of psychotherapy.

    Anschrift: Prof. Dr. M. Linden
    Forschungsgruppe Ambulante Therapie • Psychiatrische Klinik und Poliklinik der Freien Universität Berlin
    Eschenallee 3 • 14050 Berlin • Tel. 030-84458439 • 03328-345678 • Fax. 030-84458447 • 03328-345555
    e-mail. Linden@zedat.fu-berlin.de

     

Bedeutung, Methodik und Organisation von Follow-up-Studien
Stefan Klingberg, Gerhard Buchkremer

    Schlüsselwörter: Follow-up-Studien - Methodologie - Therapieforschung - Drop-out-ProblemFollow-up studies: importance, methodology, organization

    Zusammenfassung: Psychische Störungen haben oft eine mehrjährige Vorgeschichte, bilden sich nicht immer bis Therapieende vollständig zurück und neigen zu Rezidiven. Daher sollten Prä-diktionsanalysen zum Verlauf psychischer Störungen sowie Studien zur Wirksamkeit von Interventionen mittel- bis langfristige Zeiträume für die Verlaufsbeurteilung berücksichtigen. Dieser Forderung wird nur eine begrenzte Zahl an Studien gerecht. Bei der Durchführung solcher Follow-up-Studien sind verschiedene methodologische Schwierigkeiten zu beachten, v.a. die Wahl des angemessenen Zeitraums, die Art der Hypothesenprüfung sowie der Umgang mit fehlenden Daten. Mögliche Problemlösungen zu diesen Themen werden diskutiert. Darüber hinaus werden organisatorische Fragen erörtert, die für den Erfolg von Follow-up-Studien ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Follow-up-Studien sind relativ aufwändig und bedürfen einer substanziellen finanziellen Unterstützung. Hierzu wird eine Beispielrechnung vorgelegt. Abschließend werden ethische Fragen kurz diskutiert.

    Keywords: Mother-child-interaction - postpartum depression - Still-Face-Situation - procedural processes - video-microanalysis -

    Summary: Mental disorders are characterized by a long-term course. At the end of a therapy there are remaining symptoms in many cases. In addition, relapse is not uncommon. Predictor analyses as well as clinical trials should therefore observe the course of the illness on the medium or long term. However, the number of studies conducting such long-term Follow-up is limited. There are several methodological problems, such as the choice of an adequate Follow-up time, the kind of hypothesis testing or the options in dealing with missing values. We discuss some solutions according to these problems. Furthermore we discuss organizational questions that are of same importance for the success of a study. Follow-up studies are expensive and time consuming. They need substantial financial support. We give an example for a financial calculation. Finally we discuss some ethical questions.

    Anschrift: Dr. phil. Dipl. Psych. Stefan Klingberg
    Osianderstr. 24
    D-72076 Tübingen
    Tel.: 07071 2982330 • Fax: 07071 294141
    Email: stefan.klingberg@med.uni-tuebingen.de

     

Aufwands- und Kosten-Kalkulation für eine Placebo- und Pharmakotherapie-kontrollierte Studie zum Nachweis der Wirksamkeit und Verträglichkeit einer Psychotherapie: die Perspektive der Forschungspraxis
Ralf Kohnen und Claus R. Heinrich

    Schlüsselwörter: Psychotherapie - Arzneimitteltherapie - Ver-haltenstherapie - Randomisierte Studie - Klinische Forschung

    Zusammenfassung: Überzeugende kausale Belege für die Wirksamkeit der Psychotherapie liegen aus randomsierten klinischen Studien weder für die in den Psychotherapie-Richtlinien 1999 anerkannten wissenschaftlichen psychotherapeutischen Verfahren und noch weniger für nicht-anerkannte psychotherapeutische Verfahren in erforderlichem Umfang vor. Um die erforderlichen organisatorischen und finanziellen Resourcen für die Durchführung konfirmatorischer Studien im Bereich der Psychotherapie-Forschung abschätzen zu können, weder in diesem Betrag Aufwand und Kosten aus der Sicht eines privat organisierten Auftragsforschungsinstitut dargestellt. Dabei wird vorausgesetzt, dass solche Studien gleichen Standards wie Arzneimittelprojekten folgen (ICH-GCP). Als Beispiel für die Berechnungen des Forschungsaufwandes wird eine prospektive, randomisierte, multizentrische, dreiarmige Studie bei Patienten mit einer handlungsbedürftigen depressiven Episode gewählt, in der die Wirksamkeit und Verträglichkeit einer verhaltenstherapeutischen Psychotherapie mit einer adäquaten Pharmakotherapie und Kontrollbehandlung ("clinical management") in einem Behandlungszeitraum von 12 Wochen verglichen werden. Bei einer angenommenen Fallzahl von insgesamt 300 Patienten und 75 weiteren Patienten mit vorzeitigem Studienende werden bei niedrigen Kostenpauschalen Gesamtkosten von DM 2,8 Millionen und Fallkosten von DM 9400,- errechnet. Möglichkeiten zur Kostenminderung werden unter Berücksichtigung alternativer Organisationsmodelle diskutiert. Die vorgelegten Kostenschätzungen sollen eine weiterführende über Massnahmen zur Evaluation der Wirksamkeit von psychotherapeutischen Verfahren ermöglichen und dazu beitragen, erste Studien zu initiieren.

    Keywords: Psychotherapy - drug therapy - behavior therapy - randomised trial - clinical research

    Summary: Estimation of psychotherapy is still not convincingly or at least not sufficently proven by randomised clinical trials, neither for methods accepted in the German psychotherapy guidelines (1999) nor for those excluded. To allow to assess the organi-sational and financial resources which are required for con-firmatory clinical trials in psychotherapy, performances and associated costs are described from the perspective of a private contract research organisation (CRO). The same standards of good clinical practice (ICH-GCP) as in drug trials are presupposed. As an example, a prospective, randomised, multicentric, 3-armed study in patients with a depressive episode was chosen, werein efficacy and safety of cognitive behaviour therapy is to be compared to an adequate drug therapy and a controll treatment ("clinical management"). Treatment duration is 12 weeks. With a presumed sample size of 300 patients who complete the trial and 75 patients who are not evaluable for efficacy and applying low flat rates for required perfomances costs are estimated to DM 2.8 Millions for the whole trial or DM 9.400 per patient. Alternative organisational models with reduced costs compared to the engagement of a CRO are discussed. These cost estimates should contribute to the discussion how efficacy of psycho-therapeutic approaches may be convincingly evaluated but may also help to initiate forthcoming clinical trials in this field.

    Anschrift: Prof. Dr. Ralf Kohnen, Dipl.Psych.
    Claus R. Heinrich, Dipl.Psych.
    IMEREM Institute for Medical Research
    Management and Biometrics
    Scheurlstraße 21 • 90478 Nürnberg
    e-Mail: kohnen@imerem.de
    heinrich@imerem.de

     

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zur Verbesserung
der Psychotherapieforschung in Deutschland (Publiziert in Der Nervenarzt (1996) 67: 707-709)

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Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zur finanziellen Förderung
der Psychotherapie-Evaluationsforschung in der Bundesrepublik Deutschland
(publiziert in Deutsches Ärzteblatt, Band 97, Heft 33, Seite A2191 vom 18.8.200)

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Neurobiologie der Persönlichkeitsstörungen mit dem Schwerpunkt
Borderline-Persönlichkeitsstörungen

Thomas Bronisch

    Schlüsselwörter: Borderline-Persönlichkeitsstörung - Neurobiologie - Therapie

    Zusammenfassung: Genetische Studien, vor allem Zwillingsstudien, zeigen eine Vererbbarkeit nicht nur von Persönlichkeitszügen, sondern auch von Persönlichkeitsstörungen einschließlich der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) mit einem Korrelationskoeffizienten von .60. Neurobiologische Studien zur Morphologie, Physiologie und Biochemie von BPS - und antisozialen Persönlichkeitsstörungen – weisen auf eine eingeschränkte Impulskontrolle, impulsives und aggressives Verhalten und kognitive Defizite im Sinne einer gestörten Informationsverarbeitung hin. Besonders neuere Studien mit einem kontrollierten prospektiven Design konnten zeigen, dass Missbrauch und Vernachlässigung in der Kindheit die Entwicklung von Borderline-Persönlichkeitszügen sowie antisozialem Verhalten bis zu einer Persönlichkeitsstörung hervorrufen können, so dass in dieser Hinsicht der Primat der angeborenen oder frühkindlich erworbenen reinen biologischen Disposition in Frage gestellt wird. Aufgrund des erheblichen biologischen Anteils bei der Pathogenese von (Borderline-) Persönlichkeitsstörungen sollte eine biologisch orientierte Therapie zu entsprechenden Erfolgen führen. Zielsymptome sind hierbei affektive Instabilität, Angst, Impulsivität und kognitive Beeinträchtigungen. Pharmakologische Behandlungen erweisen sich bisher jedoch in den wenigen empirischen Studien als begrenzt wirksam, wobei solche Interventionen als "Add-on-Therapien" zu den psychotherapeutischen Behandlungen anzusehen sind. Zusätzlich ist zu vermerken, dass die psychpharmakologischen Therapien dann am wirksamsten sind, wenn ein ausgeprägtes klinisches Syndrom im Sinne einer Komorbidität vorhanden ist. Gründe für die mangelnde Effizienz pharmakologischer Behandlungen könnten folgende sein: Persönlichkeitszüge, seien sie pathologisch oder normal, sind zumindest ab dem ca. 35. Lebensjahr ausgesprochen stabil, was biologische "Reifungsprozesse" beinhalten kann. Erfolgreiche pharmakologische Behandlungen beschränken sich im Wesentlichen auf klinische Syndrome und nicht auf Persönlichkeitszüge, wie ursprünglich postuliert. Schließlich könnten die komplexen interaktionellen Probleme der BPS die Hauptschwierigkeit sein und nur im Rahmen einer komplexen psychotherapeutischen Behandlung erfolgreich angegangen werden.

    Keywords: Borderline Personality Disorder - neurobiology - therapy

    Summary: The relevance of this area of research lies in the much proven significance of postpartum depression in the child’s emotional and cognitive development as well as in the potential influence of interactional and child-based factors on the genesis and course of postpartum depression. A frequently used experimental paradigm for the investigation of specific early interaction patterns is the Still-Face-Situation developed by Tronick et al. (1978). Interactions between mothers with postpartum depression and their children are characterised by negativity, reduced responsivity, passivity or intrusiveness, withdrawal and avoidance as well as diminished expression of positive affect. However, these findings could not be confirmed in other studies. We present basic therapeutic approaches for the treatment of disturbed interactions in the mother-child dyad as well as the results of evaluation studies. Finally we discuss the possible consequences of postpartum depression for psychotherapy with adults, focusing on the procedural level of the interactional exchange.

    Anschrift: Prof. Dr. med. Thomas Bronisch
    Max-Planck-Institut für Psychiatrie
    Klinik
    Kraepelinstr.10
    D-80804 München

    Tel: 089/30622-239
    Fax: 089/30622-550
    E-mail: bronisch@mpipsykl.mpg.de

     

Motivorientiertes Indikations- und Interventionsmodell für die kognitive Verhaltenstherapie bei Persönlichkeitsstörungen (MIIM)
Thomas Fydrich

    Schlüsselwörter: Persönlichkeitsstörungen - Persönlichkeitsstile - Psychotherapie - kognitive Verhaltenstherapie - Indikation - Intervention - Therapiemotive - Diagnostik - interpersonelle Psychologie

    Zusammenfassung: Persönlichkeitsstörungen werden als interpersonelle Inter-aktionsstörungen betrachtet, bei denen (dysfunktionale) Erlebens- und Verhaltensweisen unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. In Anlehnung an das theoretische Modell der kognitiven Therapie (Beck et al., 1999) werden handlungsleitende Schemata und Kernmotive des interaktionellen Verhaltens für die im DSM-IV aufgelisteten 12 dysfunktionalen Persönlichkeitsstörungen (Persönlichkeitsstile) dargestellt. Auf der Basis dieser Schemata und Kernmotive wird ein Modell für die psychotherapeutische Indikation und Behandlung präsentiert (MIIM). In Abhängigkeit vom Grad der Ich-Syntonität bzw. Ich-Dystonität der Schemata und der Motive wird vorgeschlagen, in der Therapie eher symptom- bzw. eher interaktionsorientiert vorzugehen.

    Keywords: personality disorder - personality styles - psychotherapy - cognitive-bevavioral treatment - indication - intervention - treatment motivation - assessment - interpersonal psychology

    Summary: The relevance of this area of research lies in the much proven significance of postpartum depression in the child’s emotional and cognitive development as well as in the potential influence of interactional and child-based factors on the genesis and course of postpartum depression. A frequently used experimental paradigm for the investigation of specific early interaction patterns is the Still-Face-Situation developed by Tronick et al. (1978). Interactions between mothers with postpartum depression and their children are characterised by negativity, reduced responsivity, passivity or intrusiveness, withdrawal and avoidance as well as diminished expression of positive affect. However, these findings could not be confirmed in other studies. We present basic therapeutic approaches for the treatment of disturbed interactions in the mother-child dyad as well as the results of evaluation studies. Finally we discuss the possible consequences of postpartum depression for psychotherapy with adults, focusing on the procedural level of the interactional exchange.

    Anschrift: Priv-Doz. Dr. Thomas Fydrich
    Psychologisches Institut der Universität
    Hauptstr. 47-51
    D-69117 Heidelberg
    fydrich@psychologie.uni-heidelberg.de

     

Paranoide Persönlichkeit: Kognitiv-behaviorales Störungsmodell und Falldarstellung
Thomas Fydrich

    Schlüsselwörter: Persönlichkeit - Persönlichkeitsstörung - paranoide Persönlichkeit - kognitive Verhaltenstherapie - Psychotherapie - Falldarstellung

    Zusammenfassung: Auf der Grundlage eines dimensionalen Ansatzes der Diagnostik von Persönlichkeit und Persönlichkeitsstörungen wird ein Störungsmodell für Personen mit paranoiden Erlebens- und Verhaltensweisen beschrieben. In Anlehnung an Beck und Mitarbeiter (1999) werden spezifische Schemata und Kognitionen dargestellt, die folgende Bereiche umfassen: Sicht der eigenen Person als rechtschaffen, Ziel von Aggressionen anderer und als Opfer und Benachteiligte im zwischenmenschlichen Bereich. Das Bild über Mitmenschen ist deutlich negativ geprägt. Andere werden als egoistisch, verschwörerisch und nur auf ihren Vorteil achtend betrachtet. Andere betrügen, manipulieren und verschaffen sich rücksichtslos Vorteile. Sie mischen sich ungerechtfertigt in die persönlichen Angelegenheiten ein und nutzen ihnen zur Verfügung stehende Informationen, um zu demütigen und zu diskriminieren. Die kognitiven Grundannahmen beinhalten demnach die eigene Verletzlichkeit, notwendiges Misstrauen anderen gegenüber sowie die Annahme, dass andere die eigenen Probleme verursachen. Auf der Handlungsebene verhalten sich Personen mit paranoiden Haltungen sehr zurückhaltend, skeptisch und vorsichtig. Die Affekte von betroffenen Personen sind daher in erster Linie durch Angst, Ärger und häufig auch Groll gekennzeichnet.
    Über eine Falldarstellung einer verhaltenstherapeutischen Behandlung eines Patienten mit einer Brückenphobie und paranoider Persönlichkeitsstörung werden zentrale Aspekte eines motivorientierten Indikations- und Interventionsmodells (MIIM, vgl. Fydrich in diesem Heft) erläutert: der Fokus der Behandlung liegt bei der Phobie; Störungskenntnisse über paranoide Motive und Haltungen sind jedoch wichtige Aspekte bei der Gestaltung der therapeutischen Interaktion.

    Keywords: Personality - paranoid personality disorder- psychotherapy - cognitive-behavioral therapy - case-report

    Summary: Based on a dimensional assessment approach of personality and personality disorders, a cognitive-behavioral model for paranoid personality is outlined. In reference to Beck‘s cognitive theory of personality disorders (Beck et al., 1999), the cognitive-behavioral model of paranoid personality identifies specific schemas and cognitions for the following areas: View of self as upright and target of aggression from others and a victim of interpersonal interactions. In substance,the view of others is very negative. Others are seen as egoistic, self-centered, manipulative, conspiratorial and only looking for their own advantages. In an unjustified way, others interfere with personal affairs and misuse available information in order to devalue and humiliate. Cognitive schemas include presence of own vulnerability and subsequently mistrust as well as the assumption that others are responsible for one‘s problems. The behavior of men and women with paranoid personality is characterized by being restrained, sceptical and careful. Predominant affects include anxiety, anger, resentment and grudge.
    A cognitive-behavioral treatment of a patient with a bridge-phobia and an additional diagnosis of paranoid personality is presented in order to illustrate core elements of a motivation oriented model of psychotherapy indication and treatment (MIIM, see Fydrich in this volume). The focus of the inter-vention is the treatment of the specific phobia. However, additional knowledge about paranoid motives and schemas are central aspects regarding the therapist-patient interaction as well as treatment course and outcome.

    Anschrift: Priv-Doz. Dr. Thomas Fydrich
    Psychologisches Institut der Universität
    Hauptstr. 47-51
    D-69117 Heidelberg

     

Sand sieben in der Wüste oder Kann Hans lernen, was Hänschen nie konnte?
Kognitive Therapie bei antisozialer Persönlichkeitsstörung

James Pretzer

    Schlüsselwörter: Persönlichkeitsstörung - antisoziale Persönlichkeit - dissoziale Persönlichkeit - kognitive Therapie - prosoziales Verhalten - Falldarstellung

    Zusammenfassung: Grundannahme des kognitiven Störungsmodells ist, dass kognitive Schemata, Verzerrungen der Attributionen und der Kognitionen die wichtigsten Quellen dysfunktionaler Affekte und dysfuntionalen Verhaltens sind. Nach dem kognitiven Modell der antisozialen Persönlichkeit sehen sich entsprechende Personen als stark und autonom und als von der Gesellschaft schlecht behandelt. Die Sicht anderer umfasst danach deren Schwäche und Verletzbarkeit. Eigene Grundannahmen sind danach etwa "Ich muss angreifen, sonst werde ich zum Opfer", "Ich bin berechtigt, andere auszubeuten" und "Regeln sind willkürlich". Im Rahmen eines Fallbeispiels wird der Behandlungsansatz der kognitiven Therapie für Patienten mit antisozialer Persönlichkeit dargestellt und erläutert. Ziel der Therapie ist dabei, antisoziales Verhalten zu reduzieren und prosoziales Verhalten zu fördern.

    Keywords: personality disorder - antisocial personaltiy - cognitive therapy - prosocial behavior - case report

    Summary: The basic premis of the cognitive therapy model is that attributional bias and schemas as well as cognitive distortions are the main source of dysfunctional affect and behavior. The cognitive model of antisocial personaltiy includes the view of self as being strong, autonomous, mistreated by society and entitled to break rules. The view of others include their weakness and vulnerability, core beliefs are "I need to be an agressor, or I will be the victim", "I am entitled to exploit others", "rules are arbitrary". A case report is presented to illustrate intervention methods of cognitive therapy for patients with antisocial personality in order to decrease antisocial and to increase pro-social behavior.

    Anschrift:James Pretzer, Ph. D.
    Cleveland Center for Cognitive Therapy
    24100 Chagrin Blvd # 470
    Beachwood, OH 44122, USA
    e-mail: jimpretzer@aol.com

     

Persönlichkeitsstörung als Interaktionsstörung:
Der Beitrag der Gespärchspsychotherapie zur Modellbildung und Intervention

Rainer Sachse

    Schlüsselwörter: Gesprächspsychotherapie - doppelte Handlungsregulation

    Zusammenfassung: In dem folgenden Beitrag werden Persönlichkeitsstörungen vorrangig als Beziehungs- oder Interaktionsstörungen aufgefasst. Aus theoretischen Annahmen der Zielorientierten Gesprächspsychotherapie wird eine Theorie der Persönlichkeitsstörungen entwickelt, das "Modell der doppelten Handlungsregulation", aus dem therapeutische Strategien und Interventionen abgeleitet werden.

    Keywords: client-centered therapy - dualactionregulation

    Summary: In the present contribution personality disorders are discussed as relationship disorders. A theoretical model is presented in which it is assumed that persons suffering from personality disorders show a specific interactional behavior: The Model of Dual Action Regulation. Specific therapeutic principles and strategies are derived from this model.

    Anschrift: Prof. Dr. Rainer Sachse
    Ruhr-Universiät
    Fakultät für Psychologie
    Universitätsstr. 150
    D-44780 Bochum

     

 

 

 

Heft 2 - 2001
Psychotherapieforschung
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