Familientherapie
Familientherapeutische Strategien
Nicht so oft wie Familientherapeuten dies denken und nicht so selten wie Einzeltherapeuten dies erkennen sind familientherapeutische Strategien das ökonomischste und zielführendste Vorgehen. Von den traditionellen systemischen Familientherapieansätzen kommt der strukturelle Ansatz von Minuchin (1981) dem kognitiv-behavioralen Denken am nächsten. Er betrachtet als familiäre Strukturen die Individuen und Subsysteme sowie die Generationen. Drei Elemente geben Struktur: die inneren Grenzen zwischen Individuen und zwischen Generationen, die äußeren Grenzen zur Welt außerhalb der Familie und die Hierarchie Eltern – Kind. Störungen können auftreten in Form von
Verstrickung (extreme Nähe, schwache Grenzen zwischen den Individuen),
Überfürsorglichkeit (als eine Form von Einmischung und Grenzüberschreitung),
Starrheit (großer Widerstand gegen jegliche Veränderung) und
Konfliktvermeidung (meist ist ein Elternteil der Konfliktmeider).
Minuchin nennt typische Arten der Konfliktvermeidung:
Triangulation (Eltern sind uneins, das Kind steht zwischen den Stühlen),
Koalition mit dem Kind (Ein Elternteil stellt mit einem Kind oder Kindern eine Koalition her und isoliert den anderen) und
Umleitung des Konflikts (das Kind wird zum Problem und schließlich zum Symptomträger).
Insofern sind Minuchins Therapieziele die Wiederherstellung der Grenzen und der Hierarchie sowie das Vermitteln von effektiven Problemlösestrategien.
Haley (1977) geht von einer strategischen Betachtung der Familienhomöostase aus. Psychische und psychosomatische Symptome stabilisieren diese. Auch er sieht verwischte Generationengrenzen als Störung einer gesunden Familie. Auch Triangulation, die er “perverse” Dreieecke nennt, und verwirrte Hierarchie sind Störungspotentiale sowie unflexible Anpassung an die Veränderung der Familie im Lebenszyklus. Die Interventionen erfolgen direktiv, z. B. als Symptomverschreibung, Hausaufgaben. Zudem arbeitet er mit Metaphern und positiven Konnotationen von Störungen.
Alexander (Alexander und Barton 1976) hat innerhalb kognitiv-behavioralen Arbeitens die Funktionsanalyse der Familie und des Familienverhaltens als Schwerpunkt der Interventionen gewählt. Ausgehend von der Instrumentalität des Verhaltens, das heißt der Zweckbestimmtheit wird eine funktionale Analyse des Familiengeschehens durchgeführt. Deren Ergebnis sind allerdings keine familientherapeutischen Interventionen im engeren Sinne. D. h. es wird zwar die Familie analysiert, aber es wird nicht “die” Familie behandelt. Interventionen finden vielmehr auf der individuellen Ebene statt. Allerdings richten sich die Interventionen nach der Funktion aus. Es wird ein neues Verhalten gesucht, das dieselbe Funktion erfüllt wie das störende Verhalten oder wie das Symptom. So wird etwa beim Aufbau von prosozialem Verhalten eines Jugendlichen keine Verstärkung durch die Eltern eingesetzt, wenn die Funktion des aggressiven Verhaltens die Entfernung von den Eltern ist. Stattdessen wird contract management eingesetzt.
Aufbauend auf den genannte Ansätzen und den bisher in diesem Buch angestellten Betrachtungen können wir nun beginnen, die Familie zu untersuchen und familientherapeutische Strategien zu entfalten.
Wozu Familie?
Familie ist für das Kind:
Sie ist Überlebens-, Lebens- und Entwicklungsraum des Kindes. Sie befriedigt dessen Zugehörigkeitsbedürfnisse, dazu gehört auch das zur Verfügung stellen einer Familienidendität.
Sie läßt ihm Raum für seine Differenzierungsbedürfnisse = Selbstwerdungsbedürfnisse = Individuation.
Sie fördert gleichermaßen zwei Entwicklungsprozesse
a.) Sozialisation, d.h. in die Gemeinschaft hineinwachsen
b.) Individuation, d.h. aus der Familie herauswachsen.
Beide Prozesse, dialektisch gegenläufig, gelangen bei ausreichender familiärer Entwicklungsfindung zu einer Integration: Der Idenditätsbildung. Diese kann durch folgenden Satz charakterisiert werden:
Ich bin, was ich von meiner Familie bekommen habe und angenommen habe
und
ich bin, was mich von anderen Menschen (zunächst Familienmitgliedern) unterscheidet.
Zusammenfassend hat die Familie dem Kind gegenüber zwei Aufgaben:
1. Im Sinne der selbsterhaltenden Homöostase des Kindes eine ausreichende Lebens- und Beziehungsqualität verfügbar machen,
2. Im Sinne der Entwicklungsaufgaben des Kindes ausreichend Entwicklungsförderung anbieten und unnötige Entwicklungshemmung unterlassen.
Familie ist für Eltern:
Ein Zuhause
Zusammen leben mit Menschen, die zu mir gehören und zu denen ich gehöre - mehr als nur einem Partner (Lebensgemeinschaft).
Kinder als emotionale Bereicherung bis Erfüllung.
Beteiligtsein am Werden und Entwickeln der Kinder.
Teil der nunmehr erweiterten Idendität.
Meine persönliche Domäne (daß, was zu mir gehört) hat sich erweitert durch die Familie.
Zugehörigkeitsgefühl: Ich gehöre zu meiner Familie, bin Teil meiner Familie.
Das individuelle Selbst geht durch Idendifizierung zum Teil ein in ein Familienselbst über. All das ist persönlicher Gewinn, Bereicherung.
Dagegen ist die kinderlose Ehe als Zweierbeziehung:
Eine kleine Lebensgemeinschaft
Hinwendung zu einem einzigen Menschen,
Austausch von Gedanken und Gefühlen mit einem Gegenüber,
frei in der Zuweisung und Ausgestaltung der Rollen,
ohne dauerhafte langjährige Verantwortungsübernahme.
Was ist Familienverhalten?
Alle Handlungsweisen und Reaktionen, die sich durch einen einfachen Satz aus Subjekt und Verb, z.B. "die Familie sieht fern" beschreiben lassen.
Dies können gemeinsame, gleichzeitige Handlungen bezogen auf die Umwelt sein:
Die Familie macht einen Ausflug.
Die Familie besucht Tante Lotte.
Oder es sind Interaktionen, an denen nahezu die ganze Familie beteiligt ist:
Die Familie spielt Karten.
Die Familie feiert Weihnacht.
Die Familie streitet.
Familienverhalten kann
a.) regelgeleitet sein, d. h. geleitet sein durch die in der Familie geltenden und wirksamen Regeln. Am bedeutsamsten sind die individuellen und kollektiven Überlebensregeln.
Innerhalb des durch diese Gebote und Verbote verfügbaren erlaubten Verhaltensrepertoires treten Verhaltensweisen
b.) stimuliert durch die Aussenwelt (situative Anreize)
c.) als instrumentelle Handlung (zur organismischen Bedürfnisbefriedigung ) auf.
Die Funktionsanalyse beobachteter Verhaltenweisen erfordert daher die Differerenzierung nach
1. Äußerer Anreizstärke (situative Reaktionsauslöser)
2. Motivationalen Konsequenzen und Wirkungen des Verhaltens (Verstärkung),
3. Regel-Konsequenzen im Sinne von gelungener oder mißlungener Regeleinhaltung.
Erst alle drei Aspekte gemeinsam sind in der Lage, die selbserhaltende Homöostase zu erklären.
Wenn nicht nur dem menschlichen Individuum, sondern auch sozialen Gebilden wie der Familie einer inhärente Entwicklungstendenz zugeschrieben wird, so kommt eine vierte Verhaltenskategorie hinzu:
d.) entwicklungsbedingtes Familienverhalten.
Auch wenn Entwicklung eine andere Ebene darstellt - man kann sie nicht beobachten und wahrnehmen - kann die Funktionsanalyse doch ergeben, daß die Funktion eines konkreten Verhaltens überwiegend darin besteht, Entwicklung in Gang zu bringen oder zu halten (Sulz 1994, 1996), z.B. trotz weiterhin bestehendem Bedürfnis nach Geborgenheit und trotz weiterhin bestehendem Geborgenheitsangebot durch die Eltern, sich davon nur noch einen Bruchteil holen, um Abgrenzung und Ablösung zu erproben. Also müssen wir die zu berücksichtigenden Aspekte der Funktionsanalyse ebenfalls erweitern:
4. Aktuelle Entwicklungstendenzen, Entwicklungsschritt, Entwicklungsaufgabe.
Welches Familienverhalten interessiert?
Alles, wenn man Familie als das definiert, was die Familie macht. Das, was sie im Vergleich zu anderen Familien anders macht, wenn man eine Familie charakterisieren möchte.
Das, was emotionale oder klinische Störungen der Familie oder einzelner Familienmitglieder hervorruft, wenn pathogene Familienstrukturen oder Interaktionsmuster gefunden werden sollen.
Das, was das Symptom eines psychisch oder psychosomatisch erkrankten Familienmitglieds zum Verschwinden bringt, wenn Familientherapie gemacht wird.
Das, was die Familie tut, um einzelnen Familienmitgliedern das zu geben, was sie von der Familie brauchen, wenn es um die Erfüllung des Zwecks einer Familie geht.
Das, was die Familie tut, um das "Überleben" der Familie als sozialen Organismus zu sichern, wenn es um die Selbsterhaltungsfunktion des Familiensystems geht.
Die Familie als sozialer Organismus
Wir können die Familie als sozialen Organismus betrachten. In Analogie zum Individuum haben wir der Familie die Organismusvariablen
zentrales Familienbedürfnis,
zentrale Familienwut,
zentrale Familienangst,
Familienentwicklungsstufe,
und Familien-Verhaltensstereotypien
einerseits
a.) funktional
b.) dysfunktional
andererseits
c.) innerfamiliären
d.) gegenüber der Außenwelt
zugeschrieben.
aus: Serge K. D. Sulz und Hans-Peter Heekerens: Familie in Therapie - Grundlagen und Anwendung kognitiv-behavioraler Familientherapie.



