Freude-Gefühle
- Freude
- Begeisterung
- Glück
- Übermut
- Leidenschaft
- Lust
- Zufriedenheit
- Stolz
- Selbstvertrauen
- Gelassenheit
- Überlegenheit
- Dankbarkeit
- Vertrauen
- Zuneigung, Liebe
- Rührung
Freude ist eine Reaktion auf den Beginn oder das Eintreten eines wünschenswerten, erwünschten, erhofften Ereignisses, sei es nun bewußt erwartet worden oder nicht. Beim Kind tritt Freude allein schon bei der herzlichen Kontaktaufnahme auf. Es freut sich, wenn etwas Neues in sein Blickfeld tritt, das es wiedererkennt oder das zu einer ihm bekannten Klasse von positiv besetzten Objekten gehört (Kinder, Tierbabys, Blumen, Spielzeug). Meist sind es Ereignisse, die nicht selbst durch eigenes aktives Handeln herbeigeführt wurden, sondern die die Welt dem Kind beschert - schenkt. Das Ereignis ist also keine in seiner Intensität erwartbare selbstverständliche Folge eigenen instrumentellen Handelns, also keine gewohnte Verstärkung. Das Kind hatte entweder nicht mit größter Wahrscheinlichkeit mit dem jetzigen Eintreten oder nicht mit seiner Reizintensität gerechnet. Oder das Kind kann sich noch riesig freuen, wo ein Erwachsener nur noch etwas Rührung zeigt, weil das Kind Gefühle noch nicht so modulieren kann, daß eine Korrelation zwischen der Wahrscheinlichkeit, der Intensität und der homöostatischen Defizitminderung einerseits und der Gefühlsintensität andererseits besteht: Das Kind freut sich, wo ein Erwachsener, weil er das Ereignis vorhersehen kann, nur noch mit Genugtuung und Zufriedenheit reagiert. Das homöostatische Defizit führt zu einer psychischen Spannung, eventuell zu einer bewußten Erwartungshaltung. Je größer die Diskrepanz im homöostatischen Regelsystem ist, um so größer ist die Bedeutung des Ereignisses. Allerdings besteht kein linearer Zusammenhang zwischen seiner Bedeutung und dem Ausmaß der Freude. Wenn ich zu lange warten mußte, ist lediglich noch eine Milderung meiner Ungeduld und meines Ärgers erreichbar.
Halten wir fest, Freude ist eng wahrnehmungsgebunden, ist eine Reaktion auf das Eintreten eines Ereignisses. Sie ist nicht assoziiert mit dem Vorgang der Bedürfnisbefriedigung, aber mit deren Beginn. Da Freude selbst eine der wohltuendsten Befindlichkeiten ist, hat sie große Verstärkerwirkung. Der Mensch versucht in Zukunft sowohl äußere Situationen als auch innere psychische Haltungen (z. B. Gestik, Mimik, Kognitionen) wieder herzustellen, um wieder in den Genuß dieses Gefühls zu kommen. Wir können sagen, die autonome Psyche benutzt die willkürliche Psyche zur homöostatischen Regulation, indem sie ihr über das positive Gefühl der Freude die bedürfnisbefriedigende Bedeutung bestimmter Ereignisse und Situationen zugänglich macht und künftig das Aufsuchen von solchen bedürfnisbefriedigenden Situationskonstellationen initiiert.
Freude hat keine unmittelbare handlungsmotivierende Funktion, da im Moment nichts mehr unternommen werden muß. Manche Kinder, die nur auf sehr wenige Arten den Eltern Reaktionen abgewinnen können, die beim Kind Freude erwecken, müssen z. B. entgegen ihrer altersgemäßen Entwicklung ein Verhalten gemäß einem Kindchen-Schema aufrecht erhalten. Die Eltern würden bei altersgemäßem Verhalten kaum mehr auf das Kind reagieren. Eltern verlangen von ihren Söhnen oft, daß sie schon im Vorschulalter ihre Gefühle zügeln. Ein richtiger Junge hat nicht „außer sich vor Freude“ zu sein. Wer so emotional wie ein Mädchen reagierte, kann nicht lernen, souverän, kraftvoll und männlich schwierige Situationen im Griff zu haben. Freude ist genau das Zeichen des Gegenteils. Nicht ich mache etwas mit der Welt, sondern die Welt mit mir und das, was sie mit mir macht, bereitet mir Freude. Wenn ich mich über einen Erfolg freue, so bezieht sich die Freude auf den Teil dieses Ereignisses, den ich in diesem Moment nicht als zwingend von mir herbeigeführt erlebe.
Begeisterung ist eine Steigerung der Freude, gerade dieses „außer sich sein“. Die ganze Psyche und auch der Körper sind so erfüllt von diesem Gefühl, daß es nicht mehr verborgen werden kann. Die Umwelt sieht deutlich, was emotional abläuft und sie sieht, wie dieses Gefühl ausgedrückt wird und sie sieht den Menschen in diesem Moment unkontrolliert. Andererseits bezieht sich Begeisterung noch mehr als Freude auf das wahrgenommene Ereignis, wie schon die zugehörigen Verbalisierungen verraten: „ich freue mich“ und „ich bin begeistert von...“. Es ist mehr das Erlebnis selbst gemeint, ein Ereignis, ein Geschehen, das außergewöhnlich ist, dem man beiwohnen konnte.
Wichtiger als diese Begriffsklärungen sind für uns die Schicksale der Gefühle, d.h. die Begeisterungsfähigkeit. Da Begeisterung und deren Ausdruck auf die Umwelt „überschwappt“ ist entscheidend, ob die Eltern sich dadurch gestört fühlen oder sich mitfreuen können. Abgesehen von situativen Bedingtheiten ist die Persönlichkeit des Elternteils und die Qualität der Beziehung zum Kind entscheidend. Die Vitalität des Kindes wird von manchen Eltern als störendes oder aggressives Verhalten mißinterpretiert. Manche meinen, früh genug bremsen zu müssen, weil die Kinder sonst später nicht mehr kontrollierbar sind. Manche Eltern machen abfällige Bemerkungen über den Gefühlsausdruck. Manchen ist das intensive, auffallende Gefühlsgebaren ihres Kindes in der Öffentlichkeit peinlich. Begeisterung gehört zu den „lauten“ Gefühlen, die neben den aggressiven Gefühlen sehr oft von Eltern viel zu früh erstickt werden.
Glück ist das Gefühl, das am meisten mit Mythos verbunden ist. Es tritt nicht so schnell auf ein Ereignis hin ein wie Freude, braucht auch mehr Zeit, um sich entfalten zu können. Es hat viel Ähnlichkeiten mit einer Stimmung, die allerdings nicht ereignis- bzw. objektbezogen ist.
Freude kann in Glück übergehen. Wir können uns vorstellen, daß Freude noch in der Wahrnehmung des eingetretenen Ereignisses, des Geschehens geschieht, bildlich gesprochen noch zwischen der Welt und dem Selbst. Nun wirkt die eingetretene neue Tatsache, die da ist und da bleibt, mehr auf die Selbstwahrnehmung, das Gefühl „durchströmt“ das Selbst und geht ganz auf das Selbst über. Die erste spontane Aussage heißt: „Ich bin so glücklich“ oder „Ich bin erfüllt von Glück“. Erst im zweiten Atemzug wird Bezug genommen auf die beglückende Situation. Wie bei Stimmungen wird nicht nur der Glücksbringer, sondern die ganze Welt mit diesem Gefühl eingefärbt, es ist nicht eingrenzbar auf eine Reaktion in einer Situation. Hier stimmt die Formulierung: „Ich bin“ glücklich statt „Ich fühle mich glücklich“. Es ist deshalb zu fragen, ob Glück als situationsübergreifender Gefühlszustand, trotz der im Vergleich zu Stimmungen größeren Intensität nicht doch zu den Stimmungen gezählt werden sollte. Dann bliebe Glück als Gefühl jenen Reaktionen vorbehalten, die in einer prinzipiell beobachtbaren Situation ausgelöst werden und danach wieder abklingen. Dieses situative Glücksgefühl ist weitaus schwerer von Freude zu unterscheiden. Es bleibt dann nur die größere Selbstbezogenheit. Ein Ereignis, das mich freut, kann zusätzlich dazu führen, daß ich mich glücklich fühle, in meiner Selbstwahrnehmung in einen freudig-erhebenden Zustand gerate. Sowohl bei Freude, Begeisterung als auch bei Glück ist eine Erregtheit, eine psychophysiologische Aktivierung vorhanden.
Es klingt sehr nüchtern, wenn das Gefühl des Glücks als Signal einer nicht zu erwartenden, außergewöhnlich gut gelungenen Herstellung des homöostatischen Fließgleichgewichts der menschlichen Psyche betrachtet wird. Die autonome Psyche signalisiert der willkürlichen Psyche auf diese Weise besonders eindrücklich, wie das psychische Optimum beschaffen ist. Die inhaltliche Definition der situativen Bedingungen ist nicht festgelegt, sondern ist Ergebnis der Lerngeschichte eines Menschen und ändert sich laufend im Fortschreiten seines Lebens.
Glück ist kein Synonym für psychische Gesundheit und auch nicht für gesunde oder entwicklungsfördernde Kindheitsbedingungen. Die bereits gestörte Psyche wird auch dann Glück empfinden, wenn die Umwelt ihr ein Optimum ihres gestörten homöostatischen Regelsystems beschert. So erleben dependente Persönlichkeiten immer wieder Glücksgefühle genau dann, wenn ihre sie beherrschende Bezugsperson ihnen Geborgenheit spendet, wie sie eigentlich nur beim Kleinkind angemessen gewesen wäre. Berichtet ein Patient über eine glückliche Kindheit, so müssen wir diese Aussage relativieren. Sie wurde aus dem Blickwinkel eines Menschen gemacht, dessen psychische Homöostase eventuell so gestört war, daß sie später zur psychischen Erkrankung führte. Die erinnerten Glücksmomente der Kindheit waren vielleicht zu einem Teil bereits Erlebnisse der Psyche eines Kindes, das zu keiner gesunden individuellen Homöostase mehr fähig war, da diese durch den Vorrang der sozialen Homöostase des Familiensystems nicht herstellbar war. Trotzdem fällt es bei der Mehrzahl unserer Patienten auf, daß sie eine unglückliche Kindheit hatten und daß sie mit ihren Eltern unglückliche Beziehungen hatten. Steigerungen des Unglücks im Sinne von Traumatisierungen werden schließlich gar nicht erinnert: „Ich kann mich an die Zeit vor Schulbeginn überhaupt nicht mehr erinnern“.
„Übermut tut selten gut.“ Übermut ist die frohe, vitale, bewegte Ausgelassenheit des Kindes, mit einem Schuß positiver Aggressivität im Sinne von frech, schelmisch, spitzbübisch sein. Übermut geht rasch an die Toleranzgrenze der Erziehungspersonen. Das Wort beinhaltet die Sichtweise des Außenstehenden mit der Bewertung eines Zuviel, einem Wunsch, Grenzen zu setzen. Der Außenstehende kann nicht empathisch sein, in ihm entsteht ein Mißempfinden. Kinder, die sich tagsüber zuwenig austoben konnten, werden kurz vor dem Bettgehen oft übermütig, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Spielsachen schon aufgeräumt sind, die Eltern endlich Zeit für sich haben wollen, eventuell noch gestreßt, gereizt vom Berufstag sind - eher Ruhe und Entspannung wünschen. Wenn Eltern ihre Interessen rigoros durchsetzen, immer dann sehr aggressiv werden, wenn das Kind übermütig ist, so muß dieses sehr früh mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln seine Gefühlsimpulse unterdrücken. Mangels kognitiver Selbststeuerungsfähigkeiten, die sich erst spät entwickeln, muß es mit Hilfe von gegensteuernden Gefühlen wie Angst (vor Strafe) und Schuldgefühlen seine primären Emotionen beseitigen. Dies geschieht z. B. bei Übermut schließlich dauerhaft, so daß übermütiges Verhalten gar nicht mehr erinnerbar ist. Durch diese frühe und vollständige Unterdrückung wird dem Kind die Möglichkeit genommen, seine ursprüngliche ungezähmte Wildheit, die wohl jedem Lebewesen angeboren ist, zu einer zivilisierten Vitalität zu transformieren. Hierzu wäre die empathisch-gewährende Haltung der Mutter nötig. Dieser fehlt aber in ihrer Wertorientierung eine positive Einstellung zu Wildheit und Vitalität. Deshalb kann sie diese auch nicht fördern bzw. konstruktiv zivilisieren helfen.
Leidenschaft wird selten als eigenes abgegrenztes Gefühl empfunden. Ihre Betrachtung ist jedoch für Begriffsbestimmungen anderer Gefühle bedeutsam. Sie gehört zu jenen Gefühlszuständen, die nicht nur einen Teilbereich des Bewußtseins in Beschlag nehmen, nicht in stiller Wahrnehmung des Selbst und der Welt verharren, sondern auf den Körper übergehen, dessen physiologische Abläufe verändern, dessen Wahrnehmung verändern, auf die Motorik übergehen und den ganzen Menschen in Bewegung versetzen. Die Handlungsorientierung steht im Vordergrund, eine große energetische Mobilisierung von Psyche und Körper. Die Wahrnehmung dieser großen Mobilisierung im Sinne eines Empfindens eines positiven „Erleidens“ ist das Gefühl der Leidenschaft. In diesem Begriff steckt auch die Tendenz, diesen Zustand des Leidens wieder zu beenden. Er läßt sich aber auch so interpretieren, daß es Leiden macht, den durch den Handlungsimpuls angestrebten Zustand noch nicht oder nicht schnell oder umfassend genug erreicht zu haben. Übertragen wir diese Aussagen auf den Kernbereich leidenschaftlichen Erlebens, auf die Sexualität, so können wir sexuelle Erregung und Lustempfindung als den passiven, wahrnehmungsbezogenen und Leidenschaft als den aktiven, handlungsbezogenen Anteil des Gefühlsgemisches bezeichnen. Leidenschaft mobilisiert zu Handlungen, die in Situationen führen oder Situationen so gestalten, daß Lust entsteht, sich steigert und zum Höhepunkt gelangt. Leidenschaft und leidenschaftliches Verhalten versiegen, wenn durch den Orgasmus volle Bedürfnisbefriedigung eingetreten ist. Sie wird ersetzt durch das Nirwana-Gefühl des wunschlos Glücklich-/ Zufrieden-/ Befriedigtseins, das mit völliger psychischer und körperlicher Entspannung einher geht.
Leidenschaft hat demnach primär eine Funktion als Bestandteil menschlicher Sexualität und steht letztendlich im Dienst der Arterhaltung. Ohne Leidenschaft wäre der komplette Vollzug des Sexualaktes zum Orgasmus und zur Befruchtung gefährdet. Die Lernfähigkeit und Plastizität der menschlichen Psyche führte dazu, daß wir nicht nur sexuelle Leidenschaft kennen. Überall wo Spannungsreduktion und Lust sich paaren, kann Erleben und Handeln leidenschaftlich sein. Sei es Spiel, Sport, Musik oder Engagements, die von Menschen leidenschaftlich betrieben werden, sie sind Gewinne menschlicher Erlebnisvielfalt, ob sie nun zur Sublimierung und Kultivierung primär sexueller Energie dienen, wie Sigmund Freud dies postulierte oder keine primäre Abwehrfunktion haben, wie Wilhelm Reich (1975) dies einräumt.
Mit der traditionellen Verteufelung und Abwertung der animalisch triebhaften Seite des Menschen versuchen viele Eltern, die ihre Kinder zu wertvollen Mitgliedern unserer Gesellschaft machen wollen, leidenschaftliches Erleben und Verhalten von Anfang an zu tabuisieren und zu unterdrücken. Damit wird jegliche „bewegte“ ganzheitlich die Psyche und den Körper erfassende Emotionalität stark gedämpft, das Kind wird in Dauerkonflikte gestoßen, in denen es permanent Angst, Schuldgefühle, Scham und Ekel zu Hilfe nehmen muß, um nicht in die tabuisierte Gefühlssphäre zu geraten.
Lust ist meist ein körperbezogenes Gefühl, sei es, daß eine Sinnesempfindung ein Lustgefühl hervorruft (Kitzeln), sei es daß eine motorische Handlung mit Lustgefühl verbunden ist (Bewegungslust). Sowohl handgreifliches Verletzen als auch das Quälen eines anderen durch verletzende Worte kann eine (sadistische) Lust hervorrufen. Ebenso kann eine Streitlust im wörtlichen Sinne entstehen. Auch Angstlust als Nervenkitzel vermittelt das Gefühl der Lust. Hier ist wie bei der Schmerzlust das deutliche Überwiegen der Lustkomponente über die aversive Komponente erforderlich. Bei Masochismus ist Schmerz die notwendige Voraussetzung, daß Lust entsteht.
Lust und Unlust können als die beiden basalsten Empfindungsqualitäten von Lebewesen überhaupt betrachtet werden, als eigentliche Grundqualitäten des Gefühls. Lust veranlaßt das Lebewesen, den Lust erzeugenden Stimulus weiterwirken zu lassen. Unlust veranlaßt ihn, dessen Wirkung zu beenden.
Ohne diese beiden Gefühlsqualitäten und deren zwingende motivationale Komponente wären Lebewesen nicht in der Lage, für Selbst- und Arterhaltung zu sorgen. Die autonome Psyche setzt diese beiden Signale ein, damit der Mensch seine willkürlichen Funktionen in ihren Dienst stellt. Wiederum müssen wir uns eingestehen, daß die kognitiven Errungenschaften des Menschen (Intelligenz und Sprache) das Lust-/ Unlust-gesteuerte Handeln nicht ersetzen könnten. Man stelle sich einen Sexualakt ohne jegliches Lustempfinden vor - ein mühsames und wohl bald ekelbesetztes Unterfangen! Oder Essen ohne Appetit - eine Quälerei! Die Anpassungsfähigkeit eines Menschen hat schließlich eine neue Form der Lust kreiert, die im Leben der Industriegesellschaft so manche Last in Lust verwandelt: die „Arbeitslust“. Wer diese nicht entwickeln kann bzw. nicht einmal Arbeitszufriedenheit herzustellen vermag, wird seinen Alltag mit mehr Unlustgefühlen und Anstrengung verbinden. Der sprachlichen Exaktheit halber sollten wir aber festhalten, daß Lustgefühle im obigen Sinne höchstens ausnahmsweise bei der Arbeit auftauchen. Es geht uns hier nicht um Erörterungen einer emotionsassoziierten Sprache, sondern ausschließlich um Emotionen und Gefühle.
Die Generation der Eltern unserer Patienten lebte in einer Gesellschaft voll anhedonistischer Wertsetzungen, die Lust nur in anankastischen und Machtstrebungen tolerierte. Sie entfremdete dem Kind rasch seinen Körper und die direkte natürliche Lust-/-Unlust geleitete psychophysiologische Homöostase wurde seinem Leben unzugänglich. Die Wertorientierung unserer heutigen Gesellschaft erlaubt uns hedonistische Tendenzen, sofern sie unsere Leistungsfähigkeit in unserem Wirtschaftssystem nicht schmälert und so lange sie mit materiellem Konsum verbunden ist, d.h. wirtschaftsförderlich ist.
Heutigen Eltern ist es daher eher möglich, gewährender bezüglich der Lust ihrer Kinder zu sein. Unsere Patienten berichten dagegen, daß Eltern rigoros dem Kind die natürliche Lust-Unlust-Homöostase weggenommen haben, so daß es sich ausschließlich an den elterlichen Normen zu orientieren hatte. Als Psychotherapeuten können wir darüber hinaus zahlreiche Indizien dafür finden, daß über bewußt vermittelte Verbote und Gebote hinaus das Kind eine forcierte Sozialisierung erfuhr. Es richtete alsbald sein Verhalten nicht mehr nach den Signalen seiner eigenen individuellen Homöostase aus, sondern nach der sozialen Homöostase der Familie, die fast ausschließlich durch die Bedürfnisse der Eltern und die Notwendigkeit der Beziehung zwischen diesen bestimmt wurde. Dies macht verständlich, daß kindgemäße Lusterlebnisse in der Kindheit unserer Patienten weitgehend fehlten. Im Gegenteil, Lustsuche und Lusterfahrung bedeutet ja, sich nicht mehr dem familiären System und dessen Regeln unterworfen zu haben, was zu alarmierender Angst, Scham und Schuldgefühlen führen muß. Besondere depressive Menschen haben in ihrem bisherigen Leben Lust und Genuß kaum Raum gelassen.
Zufriedenheit ist im Gegensatz zu den bisher besprochenen Gefühlen ein eher ruhiges Gefühl. „Ich bin mit mir und der Welt einverstanden, fühle mich mit mir und der Welt in Frieden. Es kann so bleiben, wie es ist.“ Es kann auch eine punktuelle Zufriedenheit bezüglich eines einzelnen Ereignisses sein. Bevor dieses Ereignis eintrat, mag eine psychische Spannung bestanden haben, ein Wunsch, eine Erwartung, die Ungewißheit, ob daß Ereignis wunschgemäß, erwartungsgemäß sein wird. Zufriedenheit ist dann mit der Beendigung dieser Spannung verbunden. Sie tritt auch eher verzögert, im Anschluß an kognitive Prozesse der Informationsverarbeitung und Situationsbewertung ein - als affektiver Bestandteil einer reiferen psychischen Bewertung des Erwachsenen. Es ist eher die kognitive Bestätigung, die Beseitigung von kognitiver Dissonanz oder von Ungewißheit, die zu diesem Gefühl führt. Insofern bedarf es auch der weitgehend abgeschlossenen kognitiven Entwicklungsphasen nach Piaget (1981). Der Vergleich eines Ereignisses mit einem inneren oder äußeren Wertmaßstab führt gegebenenfalls zum Gefühl der Zufriedenheit. Die Bewertung ist:
- wie erwartet (das Selbstbild bestätigend, besser als erwartet würde Freude auslösen)
- normerfüllend (Harmonie mit der Welt herstellend oder bewahrend)
- einem Willen und wunschgemäß (meine internale Kontrollüberzeugung bestätigend).
Die Eltern mancher Patienten haben deren intrapsychisches System kognitiver Konstrukte so geformt, daß eine durch alltägliche Handlungen nicht überbrückbare Diskrepanz zwischen Selbstideal und Selbstbild besteht, d.h. kaum etwas zur eigenen Zufriedenheit gemacht werden kann. Andere sind wiederum so übertrieben normorientiert, daß bei ihnen Zufriedenheit nur unter dem Gesichtspunkt der gelungenen Erfüllung von äußeren Normen entsteht. Chronische Unzufriedenheit mit sich selbst führt zu einer Verminderung des Selbstwertgefühls. Kurzfristig kann sie zu größeren Anstrengungen führen, um das eigene Anspruchsniveau oder die äußere Norm doch noch zu erreichen. Wer die Erfahrung macht, daß er selbst in der Lage ist, zufrieden machende Ergebnisse zu erzielen, baut bei sich ein Gefühl der Selbsteffizienz (Bandura 1975) auf. Wer auf eine deprimierende Weise die Erfahrung macht, daß alle seine Bemühungen nicht dazu führten, zentrale Lebensbelange zufriedenstellend zu regeln, gelangt zu einem Gefühl der gelernten Hilflosigkeit (Seligman, 1979).
Stolz ist ein Gefühl, das in der protestantisch-christlichen Tradition, die Demut und Bescheidenheit als Tugenden zu pflegen versuchte, verurteilt wurde. Nur Helden durften stolz sein. So wurde den Kindern schon sehr früh ein wichtige Stütze ihres psychischen Rückgrads genommen, wodurch sie sich denn auch besser zum Untertan eigneten, also besser in die früheren Staatsformen einpaßten. Aus einer anfänglichen Freude über ein Gelingen einer situativen Handlung löst sich das Gefühl ähnlich wie beim Glück von der Situation und geht auf die Person über. Wem so etwas gelingt, der ist auch wer. Die geschwellte Brust, der erhobene Kopf, der triumphierende Blick - von oben herab -wie beim spanischen Flamenco-Tänzer vermitteln Stolz. Dabei müssen wir wiederum ein stolze Grundhaltung vom situativ entstandenen Gefühl des Stolzes unterscheiden, das zu einer eher vorübergehenden Annäherung des Selbstbildes an das Selbstideal führt. Es ist meist noch mit Freude verbunden, eventuell mit Glück. Der in diesem Ausmaß eventuell erhoffte, aber nicht erwartete Erfolg macht stolz und - nicht jeder kann das. Es kann sich ein Gefühl der Überlegenheit beimengen, aber Stolz ist mehr auf den Erfolg des Selbst bezogen, weniger ein Beziehungsgefühl, das aus dem Vergleich mit anderen resultiert, auch wenn im Gefühl des Stolzes die anderen Menschen und die Beziehungen zu ihnen verändert wahrgenommen werden. Die anderen werden zum Publikum, das den Erfolg und den Erfolgreichen sieht und ihn bewundert.
Perfektionistische Eltern geben ihrem Kind keine Chance, stolz auf ein subjektives Gelingen zu sein. Sie führen stattdessen Gefühle der Insuffizienz herbei, der externalen Kontrollüberzeugung oder gar der geteilten Kontrollüberzeugung, daß Mißerfolge selbstverschuldet sind, Erfolge aber von anderen oder aber vom Glück verursacht wurden (Roth und Rehm, 1986). Um ausreichend Selbsteffizienzgefühl aufbauen zu können, benötigen Kinder Erfolgserlebnisse und sie benötigen, daß diese mit Hilfe des Gefühls des Stolzes schließlich eigenen überdauernden Fähigkeiten und Eigenschaften zugeschrieben werden können.
Selbstvertrauen ist das Gefühl, sich in einer Situation auf seine eigenen Fähigkeiten verlassen zu können und mit deren Hilfe eventuell auftretende Schwierigkeiten bewältigen und meistern zu können, ohne die Kontrolle über die Situation zu verlieren und ohne daß die Situation zum Stressor wird. Vertrauen in sich selbst setzt ausreichend viele Erfahrungen voraus, die dieses Selbstgefühl bestätigten, d.h. die subjektive Erfahrung von Selbsteffizienz (Bandura 1975). Wem dieses Selbstvertrauen fehlt, wird die betreffende Situation vermeiden oder sich in ihr selbst unsicher oder gar ängstlich fühlen. Selbstvertrauen ist das Ergebnis des kognitiven Vergleichs der Schwierigkeit einer Situation mit der Einschätzung der eigenen Effizienz in solchen Situationen. Es signalisiert Freiheit von Gefahr und motiviert dazu, die Situation aufzusuchen und sie im intendierten Sinne für das eigene Vorhaben zu nutzen.
Die Entwicklung von Selbstvertrauen bedarf sowohl der Erfahrung von Vertrauen zu den Bezugspersonen, zu deren Fähigkeit, sich und das Kind in schwierigen Situationen zu schützen und zu behaupten, als auch der angstfreien Auseinandersetzung mit den Eltern bei Unstimmigkeiten und Interessenskollisionen. Die Mehrzahl der Eltern unserer Patienten konnten dies nicht leisten. Sie waren entweder selbst schwach und ängstlich bzw. mußten ihre eigenen Ängste permanent abwehren oder sie induzierten dem Kind soviel Angst, daß keine Selbsteffizienzerfahrung im zwischenmenschlichen Bereich aufgebaut werden konnte.
Gelassenheit ist ein Zustand von Angstfreiheit, Freiheit von Streßreaktionen in einer eher schwierigen Situation, ein Ausbleiben von vorbeugender Wachsamkeit und emotionalem Involvement, ein Ruhigbleiben, wo andere schon nervös werden. Sie erweckt den Eindruck der souveränen Beherrschung der Situation oder auch einer ungerührten Haltung bzw. einer gewissen Dickfelligkeit. Abgesehen davon, daß so manche gelassen wirkende Menschen ein hohes psychophysiologisches Arousal in einer schwierigen Situation haben, kann das anfänglich aufgebaute Selbstvertrauen im weiteren Ablauf der Situation zu einer Gelassenheit dem situativen Geschehen gegenüber führen. Selbstvertrauen führt nicht notwendigerweise zu Gelassenheit, es kann im Gegenteil zu erfolgsgewohntem engagiertem Verhalten führen, z. B. der Redner in einer politischen Diskussion, der nicht durch Gelassenheit, sondern durch vehementes Engagement die Zuhörer bewegt. Gelassenheit beruht auf einer realistischen Einschätzung der Situation, der eigenen Person und der Wahrscheinlichkeit eines Mißlingens. Gelassenheit ist oft mit großer Erfahrung assoziiert, die impliziert, daß Mißerfolge nicht den Weltuntergang bedeuten, sondern daß Erfolg und Mißerfolg zum Alltag gehören und mit beiden umgegangen werden kann. Gelassenheit ist Angstfreiheit. Sie ist assoziiert mit Zuversicht, mit Wissen um den weiteren erwartungsgemäßen Verlauf, einer Gewißheit, daß die Dinge wie erwartet verlaufen werden. Ist ein Elternteil hektisch-ängstlich, der andere unvorhersehbar strafend, so fehlen die Voraussetzungen, Gelassenheit zu entwickeln.
Überlegenheit ist ein Beziehungsgefühl, entweder in der direkten Begegnung und Auseinandersetzung oder in einem konkurrierend-komparativen Kontext bezüglich einer Leistung oder Aufgabe. Überlegenheit schwingt auch im Stolz mit. Allein der erste Anblick eines noch unbekannten Menschen kann das Gefühl der Überlegenheit hervorrufen. In Sekundenschnelle wird die andere Person wiederum unter Umgehung bewußter kognitiver Prozesse von unserer autonomen Psyche eingeschätzt und mit dem eigenen Selbstbild verglichen. Das Resultat des Vergleichs ist entweder ein Gefühl der Unterlegenheit oder der Ebenbürtigkeit oder der Überlegenheit. Diese Gefühle spielen bei manchen Menschen eine besonders große Rolle. Für sie ist auch Macht und Ohnmacht, Dominanz und Submissivität eine wichtige Erlebensdimension. Wir können davon ausgehen, daß ihre kindliche Lerngeschichte durch elterliche Leistungsorientierung (Ehrgeiz als Streben auch nach Überlegenheit), ausgeprägtes Dominanzverhalten eines Elternteils und eventuelle Geschwisterrivalitäten geprägt ist. Dabei kann der permanente Versuch, Überlegenheit herzustellen, ein Vermeidungsmotiv sein. Die eigene Unterlegenheit und Ohnmacht können in der Kindheit so aversiv gewesen sein, daß nur das Gegenteil, die Überlegenheit, sicher genug davor schützt.
Überlegenheit korrespondiert mit der Wahrnehmung eines Unterschiedes zum anderen Menschen, als angenehm erlebte Distanz und impliziert die Tendenz, diesen Unterschied aufrecht zu erhalten. Zwar kann helfend oder belehrend oder konkurrierend oder bekämpfend eine Annäherung zum anderen erfolgen, aber das Gefühl der Überlegenheit motiviert nicht direkt zur Annäherung an den anderen Menschen. Es entspricht der Genugtuung, daß es gut so ist, wie es ist.
Dankbarkeit ist ebenfalls ein Beziehungsgefühl. Eine andere (schenkende) Person hat uns mehr gegeben oder geholfen, als wir erwarten durften. Sie wäre es uns nicht schuldig gewesen. Oder die Hilfe kam zu einem Zeitpunkt und in einer Situation, in der sie uns aus einer Not geholfen hat. Wir sind des Bewußtseins, viel Gutes vom anderen bekommen zu haben. Nicht wir selbst haben ein bedeutsames, für uns positives Ereignis herbeigeführt, sondern die andere Person. Wir empfinden darüber eine freudige Rührung und Verbundenheit. Es ist in diesem Moment eine deutlich spürbare emotionale Verbindung zum anderen vorhanden, die zunächst einseitig ist. Denn es ist kein primär gegenseitiges Fließen von Gefühlen. Die schenkende Person mag das Ausmaß der Dankbarkeit eventuell gar nicht spüren, vielleicht auch nicht so viel Gefühl in das Geschenk investiert haben oder eine Hilfe als gar nicht so große Tat empfinden. Eventuell bleibt ein großer Teil des Gefühls privat. Wird die Dankbarkeit aber frei oder offen ausgedrückt, gemischt mit Gefühlen der Freude oder gar des Glücks, so wirkt sie auf die schenkende Person zurück. Diese ist gerührt von der Wirkung des Geschenks und freut sich mit. Dadurch kann es doch zu einem gemeinsamen emotionalen Erlebnis werden, das die Beziehung und Bindung gegenseitig vertieft. Eltern wünschen sich Dankbarkeit, versuchen vielleicht dieses Gefühl beim Kind zu induzieren, um die Bindung durch Verpflichtungsgefühle in ihrem Sinne zu beeinflussen. Das Kind braucht für die notwendigen Ablösungsschritte dagegen eine Entpflichtung, um sich auf die für Eltern und Kind schmerzliche Trennung und Loslösung am Ende der Kindheit einlassen zu können: „Du darfst Deinen Weg gehen, auch wenn Du mir damit weh tust“. Bedürftige Eltern verhindern unter anderem über Dankbarkeit und Schuldgefühle die Ablösung von erwachsener Tochter oder erwachsenem Sohn.
Vertrauen ist ein zentrales Beziehungsgefühl, ohne das keine Geborgenheit und kein Schutz vermittelt bzw. empfunden werden kann. Es scheint naheliegend, daß der Aufbau einer sicheren Bindung zur Mutter im ersten Lebensjahr auch Vertrauen aufbaut (Ainsworth 1974). Ich vermute eher, daß im Normalfall von Geburt an Vertrauen besteht und nicht nur im ersten Lebensjahr, sondern die ganze Kindheit hindurch aufrecht erhalten wird. Es sei denn, die Mutter weicht in ihrem Verhalten von einer ausreichenden Bemutterung ständig bzw. wiederholt in psychisch nicht bewältigbarem Ausmaß ab, d.h. sie sorgt dafür, daß das Kind viele Situationen erleben muß, die ihm das Gefühl fehlenden Schutzes und fehlender Geborgenheit vermitteln. Zunächst ist es das Vertrauen auf die Anwesenheit der Mutter, dann auf ihre Verfügbarkeit, wenn sie gebraucht wird und schließlich auf die Zuverlässigkeit der Rückkehr nach einem Abschied. Auch die Ambivalenz der Mutter mit erheblichen feindseligen Impulsen gegenüber dem Kind zerstört den natürlichen Vertrauensvorschuß, den der Säugling noch geben kann. Eltern, die emotional sehr instabil sind, die um das eigene emotionale Überleben (oft gegeneinander) kämpfen, können die notwendige Bemutterung ebenfalls nicht erbringen. So kommt es zu einer Serie von Erschütterungen des ursprünglichen Vertrauens. Spätere Prozesse der Internalisierung der Welt werden dadurch erheblich gestört: Wer in den primären Beziehungen kein Vertrauen haben konnte, kann auch kein Selbstvertrauen entwickeln und umgekehrt: Vertrauen schafft Selbstvertrauen. Dies macht auch verständlich, daß Selbstunsicherheit nicht selten mit Mißtrauen assoziiert ist.
Zuneigung und Liebe sind Beziehungsgefühle, die Bindung herstellen. Hier ist nicht das Gefühl, geliebt oder gemocht zu werden, gemeint. Es geht um das Gefühl, selbst aktiv den anderen Menschen zu lieben: ein Gefühl, das innere Bewegtheit erzeugt und zur Hinwendung bewegt, Bindung sucht und bewahrt. Liebe räumt alle Hindernisse beiseite, die objektiv oder subjektiv zwischen zwei Menschen bestehen. Sie schafft einen großen Raum in der Psyche und im Leben für den geliebten Menschen. Sie erschöpft sich in der Zeit, stellt Zeitlosigkeit her.
Die Funktion dieses Gefühls, das bei Schriftstellern und ihren Lesern eines der bevorzugtesten Themen ist, klingt prosaisch: Die Liebe zwischen Mann und Frau fördert die Neigung zur sexuellen Vereinigung und dadurch auch die Arterhaltung. Die Liebe der Eltern zum Kind sichert deren Entwicklung in einer förderlichen Umgebung. Auch die Liebe des Kindes zu den Eltern sichert ihm eine entwicklungsfördernde Umgebung. Zuneigung fördert das Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft, die wiederum Schutz für den einzelnen bietet.
Wir müssen uns fragen, von welchem Alter an ein Kind das Gefühl der Liebe empfindet. Folgt man der Bindungsforschung und setzt Liebe gleich Bindung, dann ist dieses Gefühl mit 6-8 Monaten vorhanden (Bowlby, 1976). Wir wissen aber nicht, ob dem so ist. Es bleibt uns, Eltern zu fragen wie alt ihr Kind war, als sie sich das erste mal von ihm geliebt fühlten. Hier wird oft das Alter zwischen ein und zwei Jahren angegeben. Mit der Liebe des Kindes zu seinen Eltern leistet dieses seinen Beitrag zur Bindung. Manche Eltern besitzen nicht die Fähigkeit, diese Liebe wahrzunehmen, deshalb kann sie ihre Elternschaft nicht erfüllen, sie verwenden viel Zeit und Energie, um ihr eigenes Bedürfnis, geliebt zu werden, durch Ersatzbedürfnisse, wie Aufmerksamkeit und Anerkennung in ihrer Erwachsenenwelt befriedigt zu bekommen, in dem sie anderen Werten nachjagen oder sich in Abhängigkeit von einer dominierenden Bezugsperson begeben, der gegenüber eine kindähnliche Rolle einnehmen. Sie haben so wenig emotionale Fülle, daß sie Liebe nicht mit ihrem Kind austauschen können. Manche Eltern sind so arm, haben ein so großes Defizit an Liebe, daß sie ebenso bedürftig sind wie ihre Kinder. Da können sie nicht auch noch etwas weggeben, wenn es nicht einmal für sie selbst reicht. Mancher Vater und manche Mutter konkurrieren denn auch mit ihrem Kind um die Liebe des anderen Elternteils. Eltern, die ihre Kinder permanent in ihren basalen Bedürfnissen frustrieren, wecken in ihnen Aggression bis zum Haß. Geschieht dies in den ersten beiden Lebensjahren, so kommt es zu hoch ambivalenten Beziehungen mit einem Nebeneinander von Liebe und Haß. Das Kind kann in dieser Entwicklungsphase seine Liebe nicht durch Haß zum Verschwinden bringen. Es muß, um emotional zu überleben, seine Eltern lieben, so hassenswert sie sich auch verhalten. Dies ist eine unumstößliche Regel seiner psychischen Homöostase.
Erst in einem späteren Alter ist das Kind in der Lage, von sich aus seine Liebe zurückzunehmen, wenn der betreffende Elternteil ihm nicht liebenswert erscheint. Es kann sich im Trotz auf sich selbst versteifen (nein, ich liebe dich nicht) oder sich dem zweiten Elternteil zuwenden (nein, ich liebe den anderen). Kinder im 4. und 5. Lebensjahr beginnen, ungeniert dem gegengeschlechtlichen Elternteil den Hof zu machen, Liebeserklärungen und Heiratsanträge folgen. Manche Eltern erschrecken und weisen das Kind zurück. Migränepatienten berichten oft über solche Zurückweisungen. Andere Eltern mißbrauchen die Form der kindlichen Liebe für die Befriedigung eigener emotionaler oder gar sexueller Defizite.
Rührung ist eine gefühlsmäßige positive Bewegtheit angesichts der Beobachtung eines sozialen Geschehens, von dem in der Regel eine starke emotionale Ausstrahlung ausgeht. Oft sind es Kinder - oder Tierszenen, die mit „lieb“, „süß“, „niedlich“ kommentiert werden, aber auch eine herzliche Begrüßungsszene kann zu einem Gefühl der Rührung führen. Da können Tränen in die Augen treten und Rührung kann in die spezifischen Gefühle der Freude oder des Glücks übergehen. Dies zeigt die Fähigkeit zu Empathie und Sympathie, die Fähigkeit zur sozialen Wahrnehmung und zum Miterleben der Gefühle anderer. Über unserer eigenen Empathie mit einem Patienten nehmen wir oft gar nicht war, wie wenig sie selbst oft wirklich empathisch sein können, wie extrem selbstbezogen manche in ihrem bewußten Leben sind. Manche müssen in ihrer Kindheit eine übernatürliche Sensibilität für die Emotionen der Eltern entwickeln, um heil durch die Kindheit zu kommen. Andere müssen sich auf einen egoistischen Existenzkampf einstellen, in dem die Wahrnehmung der Gefühle der anderen nur daran hindern würde, die für sich selbst günstigste Kampfstrategie einzusetzen. Offener Schlagabtausch mit Geschwistern oder einem Elternteil oder intrigengesponnene Manöver in machtorientierten Familien lassen keine zarten Gefühlsregungen zu.



