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Wut-/Ärger-Gefühle

         

 
 
Ärger, Wut, Zorn
 
Neben der Angst sind Ärger und Wut die für die Psychotherapie bedeutsamsten Emotionen. Angst hat im zwischenmenschlichen Bereich meist die Funktion, Aggression zu verhindern. Deshalb taucht in vielen Therapien das Thema Aggression erst spät auf - einhergehend mit einem Nachlassen der Ängste. Im Gegensatz zum Haß, der später besprochen wird, bezieht sich Ärger nicht ausschließlich auf die andere Person, nicht darauf, daß sie so ist, wie sie ist. Ärger und Wut entstehen aus konkreten Handlungen des anderen heraus. Diese Handlungen werden als Angriff auf die eigene Person erlebt, als vorsätzliches feindseliges Verhalten.
 
Ärger ist das Vorstadium der Wut, das mimische Warnsignale und gestische Drohgebärden auslöst, die dem anderen Einhalt gebieten sollen. Wut ist das Gefühl, das die aggressive Kampfhandlung einleitet und aufrecht erhält. Zivilisierte Menschen bringen diese Impulse auf die sprachliche Ebene, Wortgefechte ersetzen die Handgreiflichkeiten. Diese Zivilisierung der Aggression kann aber nur stattfinden, wenn sie nicht viel zu früh im Keim erstickt wird. Ich habe den Eindruck, daß fast durchgängig diese zu frühe radikale Blockierung aggressiver Impulse den größten Schaden am Menschen anrichtet. Das Kind hat durch das „Abwürgen“ seiner Aggression keine Chance, diese zu zivilisieren, in eine konstruktive Wehrhaftigkeit umzuwandeln und auch die Erfahrung zu machen, daß das eigene aggressive Potential nicht per se destruktiv ist und dadurch das eigene Überleben bedrohen würde. Angst und Aggression gehören zusammen.
 
Wer Angst behandelt, behandelt auch Aggression, selbst wenn dies nicht explizit geschieht. Sei es, daß durch soziales Kompetenztraining die zweifache Erfahrung gemacht wird, daß einerseits Durchsetzungsvermögen nicht einer destruktiven Aggressivität gleichkommt und daß andererseits die Gegenaggression des anderen mich nicht vernichtet und auch nicht ewig währt, sei es, daß ein Expositionstraining implizit den Beweis dafür liefert, daß keine Gefahr des Kontrollverlusts besteht. Da Psychotherapeuten zu den eher aggressionsgehemmten Menschen zählen, darf die Wahrscheinlichkeit nicht unterschätzt werden, daß die Ängstlichkeit des Therapeuten die Entwicklung des Patienten in dieser Hinsicht behindert. Der Therapeut ist einerseits kein brauchbares Modell für den Umgang mit Aggressionen. Er teilt andererseits nicht selten die Angst des Patienten, daß Aggression die Beziehung zerstören könnte. Er verhindert dadurch ebenfalls die Zivilisierung der Aggressivität. Soziale Rollenspiele zum Thema „Selbstbehauptung“ sind hier am effizientesten, vor allem wenn die Wahrnehmung und die adäquate Kommunikation aggressiver Gefühle mit einbezogen wird.
 
 
Mißmut
 
Mißmut hat eher die Eigenschaft einer Stimmung als die eines Gefühls. Stimmungen sind länger anhaltend und weniger intensiv als Gefühle. Sie richten sich nicht fokussiert auf einen Verursacher oder auf die eigene Person. Stimmung breitet sich über alles und jeden aus, färbt alle Wahrnehmungen gleichermaßen ein. Bei Stimmungen geht dem Bewußtsein der direkte Bezug zur Verursachung verloren. Die Aufmerksamkeit wird von dieser abgezogen, dadurch fällt der Handlungsbedarf weg. Stimmungen sind also das Ergebnis von Handlungsunfähigkeit oder -ohnmacht oder sie haben die Funktion mißliebige impulsive Handlungen zu verhindern. So kann eine depressive Stimmung impulsives aggressives Verhalten verhindern. Auch Mißmut ist gedämpfter Ärger. Er entspricht einer Störung der psychischen Homöostase, die zwar wahrgenommen wird, die aber nicht durch aktives Handeln beseitigt werden muß. Nichts tun scheint die beste Lösung zu sein, wenn Auseinandersetzung nur Öl ins Feuer geben würde. Die Zeit wird schon dafür sorgen, daß die mißmutige Befindlichkeit versickert, wie Regenwasser in der Erde. Ich kann die Störung aushalten, so lange wie sie vermutlich andauern wird. Ich könnte aber nicht die Folgen meines offen ausgedrückten Ärgers aushalten.
 
Mißmut hat auch den Aspekt des Rückzugs an sich. Mein Groll bleibt in mir, ich grolle in mich hinein oder vor mich hin, entferne mich dabei aus der Interaktion, trete von mir aus nicht in Interaktion. Werde ich vom anderen in eine Interaktion hineingezogen, so gehe ich mißmutig in sie hinein und der Mißmut ist mir anzumerken. Es wird aber auch deutlich, daß mein Mißmut zu mir gehört und nicht eine neue Reaktion auf den anderen ist. Um nicht darauf angesprochen zu werden und über Gefühle sprechen zu müssen, versuchen viele, dieses Gefühl zu verbergen. Kinder beziehen den Mißmut der Eltern auf sich, auf ihr Verhalten und bemühen sich den Mißmut der Eltern zu beseitigen oder zu verhindern. Gelingt ihnen das, so wird das erfolgreiche Verhalten verstärkt. Sie lernen, die Gefühle der Erwachsenen durch eigenes Verhalten zu steuern oder zu kontrollieren (zwischenmenschliche Phase Kegans). Im Extremfall kann ihre ganze Aufmerksamkeit der Laune der Eltern gewidmet sein. Statt ihrer eigenen psychischen Homöostase regulieren sie dann diejenige des Vaters oder der Mutter.
 
 
Ungeduld
 
Die Ungeduld des Erwachsenen hat viel Ähnlichkeit mit derjenigen des Kleinkindes. Dieses kann nicht warten, kann nicht Rücksicht nehmen, kann nicht ablassen von seinem Wunsch, kann die Erledigung eines Vorhabens nicht beiseite schieben, um es zu gegebener Zeit wieder aufzunehmen. Das Kleinkind ist selbstbezogen, folgt seiner inneren psychischen Homöostase und verlangt von der Welt, daß diese sich in seinen Dienst stellt. Auch der Erwachsene spürt in diesem Moment eine Störung seiner Selbstregulierung, deren Verursachung er der Außenwelt zuschreibt. Es fällt ihm schwer, sein Anliegen länger aufzuschieben. Er will den anderen drängen, sich zu beeilen. Ungeduld ist eine innere Spannung, die durch ein Handeln des anderen reduziert werden soll. Sie verschwindet, sobald das Warten beendet ist. Ungeduld löst beim Gegenüber eventuell Ärger aus, wenn sie ungerechtfertigt erscheint oder ein schlechtes Gewissen, wenn sie berechtigt erscheint oder gar Schuldgefühle, wenn eine emotionale Abhängigkeit besteht.
 
Stark ausgeprägtes Trödeln der Kinder macht sehr ungeduldig, ist in Wahrheit aber die Antwort auf eine unempathische Ungeduld - ein passiver Widerstand gegen elterliche Machtausübung. Die permanente Ungeduld der Mutter signalisiert dem Kind „du bist nicht so wie ich dich brauche“. Dies wird vom Kind in seinem Selbstgefühl verallgemeinert „ich bin nicht so, wie die Welt mich braucht und schätzen würde“. Selbstunsicherheit und Minderwertigkeitsgefühle sind die Folge. Wenn umgekehrt Eltern sich gegen die Ungeduld ihres Kindes, das die „impulsive“ Entwicklungsphase Kegans bereits hinter sich gelassen hat, also eines Kindes im Schulalter, nicht behaupten können, so hemmen sie dessen Weiterentwicklung, das Wahrnehmen der Belange anderer, den Aufbau von Empathievermögen, d.h. von Fähigkeiten die Zwischenmenschlichkeit ermöglichen.
 
 
Widerwille, Trotz
 
Wohl kaum ein kindliches Gefühl wird so häufig falsch verstanden wie der Trotz. Er wird von Eltern nicht nur als Selbstbehauptung verstanden, sondern als Angriff auf die eigene Person, als Feindseligkeit. Dabei kommt das Feindselige erst durch die emotionale Reaktion der Eltern ins Spiel. Deren Ungeduld, Ärger oder gar Wut machen ein entwicklungsgemäßes Erproben zum feindseligen Akt. Verwöhnt durch die beglückenden Zustimmungen des Kleinkindes der ersten beiden Lebensjahre fühlen sich viele Eltern durch die neuen Verhaltensweisen des Kindes vor den Kopf gestoßen. „Mein Kind fügt sich meinem Willen nicht mehr, es macht mir meine Idylle kaputt“. Dies löst aggressive Impulse beim Elternteil aus, die vom Kind wahrgenommen werden. Nein sagen als Ausdruck der Differenzierung, der Abgrenzung von den Eltern ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe beim Übergang von der einverleibenden in die impulsive Phase Kegans. Sie bedarf eines korrespondierenden förderlichen Verhaltens der Eltern, zu dem viele Eltern nicht fähig sind.
 
Zahllose traumatisierende Machtkämpfe bringen dem Kind erstmals die Erfahrung, daß seine Eltern seine Gegner sind, sobald es autonome Tendenzen entwickelt. Die entstehenden Ängste werden durch abhängige oder selbstunsichere oder zwanghafte Verhaltensstereotypien reduziert. Je bedrohlicher die Reaktionen der Eltern, um so wahrscheinlicher werden diese Verhaltensstereotypien so rigide, daß später eine entsprechende Persönlichkeitsstörung resultiert. Menschen, denen in ihrer Kindheit nicht das Recht auf ein „nein“ zugestanden wurde, entwickeln auch nicht die Fähigkeit zu einem „ja“, das wirklich etwas wert wäre. Wer nur ja sagt, weil er nicht nein sagen kann, ist nicht fähig zu einer reifen Beziehung. Sein ja ist zwar bequem, aber er versteckt seine wahren Tendenzen, vermeidet Konflikte und läßt den anderen emotional ins Leere laufen, wenn dieser das Bedürfnis hat, Unstimmigkeiten offen auszutragen und in der Beziehung eine Balance zwischen Zusammengehörigkeit und Unterschiedlichkeit herzustellen.
 
Jeden Willen des Kindes im Trotzalter durchgehen zu lassen ist nicht die Devise, sondern teilweises zulassen, teilweises verhandeln oder ablenken. Dabei sollte nicht eine manipulative Haltung vorherrschen, sondern eine Wahrhaftigkeit, mit der die Entwicklungsaufgabe des Kindes empathisch wahrgenommen wird. Andernfalls kann das Recht auf Selbstbestimmung nicht in das Selbstbild aufgenommen werden. Alle weiteren Differenzierungsschritte sind erschwert. Es kommt entweder zu einer Überbetonung der Abhängigkeits- oder Zusammengehörigkeitstendenzen oder zum inneren Rückzug.
 
 
Abneigung, Haß
 
Bei den aggressiven Regungen müssen wir vor allem Wut und Haß unterscheiden. Wut richtet sich gegen eine als feindselig empfundene Handlung und führt eher zu einer sofortigen impulsiven Reaktion, die, sofern die Reaktion erfolgreich ist, zum Abklingen der Emotion führt. Dagegen richtet sich Haß gegen die ganze Person. Entweder hat diese Person einmalig extrem feindselig gehandelt, mit extremen emotionalen Verletzungen oder sie hat fortgesetzt erhebliche emotionale Verwundungen gesetzt. Entweder gab es keine wirksame Chance zur Gegenwehr oder der andere ließ sich trotz Verteidigung nicht von weiteren feindseligen Akten abbringen. Diese Angriffe werden nicht als ungezielte Aggressivität attribuiert, sondern eindeutig als gegen die eigene Person gerichtet.
 
Haß ist ein Gefühl in einer Beziehung. Diese Beziehung ist durch den eventuell einseitigen Haß gekennzeichnet. Nicht selten wurde die gehaßte Person zuvor geliebt oder sie wird immer noch geliebt. Der Haß wird um so tiefer, je größer die Hoffnung auf liebevolle Zuwendung war. Die intensivsten Haßgefühle können bei emotional abhängigen Menschen entstehen, wenn ihre Bezugsperson ihre Abhängigkeit mißbraucht. Da Kinder im Vorschulalter noch keine Ambivalenztoleranz haben und sie für ihr emotionales Überleben die Aufrechterhaltung ihrer positiven Bindungsgefühle, d.h. ihrer Liebe zu ihren Eltern brauchen, muß der Haß unterdrückt werden. Für die Therapie ist es unbedingt notwendig, die frühen emotionalen Beziehungen und den Umgang mit aggressiven Gefühlen wie Wut und Haß zu explorieren. Die Therapie kann stagnieren, wenn zum Beispiel durch Selbstbehauptungstraining unterdrückte Haßgefühle bewußtseinsnah werden. Der Patient muß dann schnell auf die Symptomebene wechseln und vermehrt Symptome entwickeln.
 
Insbesondere bei Patienten mit schweren Depressionen, bipolaren Erkrankungen oder auch schizoaffektiven Psychosen fiel mir auf, daß ein tödlicher Haß unterdrückt wird, der das Selbst und die Welt zu zerstören droht. Der Therapeut muß deutlich signalisieren, daß solche Gefühle verständlich und erlaubt sind, aber auch, daß Haßgefühle nicht zwingend zu Haßhandlungen führen. Nur das kleine Kind, das noch ganz seinen Impulsen verhaftet ist, muß fürchten, daß sein Haß in eine haßerfüllte Handlung mündet. Erst wenn es mit der Entwicklung seiner kognitiven Funktionen die Fähigkeit erworben hat, seine Gefühle intrapsychisch zu verarbeiten, d.h. dafür zu sorgen, daß ein Gefühl ein Gefühl bleibt und ein Gedanke ein Gedanke - sofern es sich dafür entscheidet, muß es seine aggressiven Gefühle nicht mehr fürchten. Schließlich wird es die Fähigkeit erwerben,
 
Gefühle sprachlich zu kommunizieren, womit eine Bedrohung durch jene Haßgefühle entfällt, die einfach heraus müssen, die an den anderen herangetragen werden müssen. Hinzu kommt die Erkenntnis, daß ein Haß jetzt nicht ein Haß für immer sein muß und damit nicht die Beziehung zum anderen Menschen völlig zerstört. Und es folgt die Erfahrung, daß unterdrückter oder verschwiegener Haß schädlicher ist als ausgesprochener - es sei denn, man befindet sich als wehrloser Sklave unentrinnbar in der Gewalt eines mächtigen, gewalttätigen Tyrannen. Und dies scheint das subjektive Selbst- und Weltbild der abhängigen Persönlichkeit im Erleben der Konsequenzen des gezeigten Hasses zu sein. Insofern ist Haß das Gefühl der Unterlegenen, die sich zu schwach fühlen, den Gegner zu überwinden oder ihn zu verlassen, oder die ihn zu sehr lieben, um ihm weh tun zu können.
 
 
Verachtung
 
Das Gefühl der Verachtung beinhaltet eine deutliche aggressive Tendenz, eine Wendung gegen den anderen, weg vom anderen. Während im Gefühl der Enttäuschung noch etwas von der bisherigen Wertschätzung und den positiven Erwartungen mitschwingt, ist bei der Verachtung jegliche Verbindung zu einer früheren positiven Sicht des anderen abgeschnitten. Es besteht eine Nähe zum Zorn, zum „gerechten“ Zorn und es ist auch eine strafende Haltung dabei: „mit dem Blick der Verachtung strafen“.
 
Der Verachtung liegt eine affektiv-kognitive Bewertung zugrunde, d.h. es muß eine Wertorientierung vorhanden sein, die als Maßstab herangezogen wird. Diese Wertorientierung beinhaltet schließlich einen Imperativ im Sinne eines ethischen Gebotes, wie der Mensch zu sein hat. Nicht vorsätzliche Verletzung dieser Werte, sondern die Unfähigkeit ihnen gemäß zu handeln, führt zur Verachtung. Und es wird von der unanfechtbaren Selbstverständlichkeit ausgegangen, daß einfach jeder Mensch in der Lage ist und in der Lage zu sein hat, diese Wertorientierung einzuhalten. Das Verhalten des verachteten Gegenübers liegt unterhalb einer Grenze, bis zu der noch Nachsicht oder Verständnis für die Schwäche des anderen aufgebracht werden kann.
 
Welche Menschen zum Gefühl der Verachtung neigen, liegt also am Anspruchsniveau ihrer Wertorientierung, ihrer Fähigkeit zur Toleranz und ihrem Aggressionspotential. Für Kinder ist die von ihren Eltern offen oder versteckt gezeigte Verachtung eine traumatische Entwicklungshemmung. Ihnen fehlt die zur Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls benötigte Befriedigung ihres Bedürfnisses nach Wertschätzung und Bestätigung. Sie übernehmen zudem die intolerante Werthaltung ihrer Eltern und verurteilen und verachten sich später auf die gleiche Weise.
 
 
Mißtrauen
 
Mißtrauen als Gegensatz zum Vertrauen ist ein Gefühl der Ungewißheit, ob vom anderen feindselige Impulse ausgehen werden. Ich weiß weder gewiß, daß der andere mir zuverlässig freundlich gesonnen ist, noch weiß ich gewiß, daß seine nächsten Handlungen Angriffe sein werden. Oder ich weiß nicht, die wievielte nächste Handlung feindselig sein wird. Auch wenn eine Reihe von friedlichen Interaktionen stattgefunden hat, so muß ich doch bei jeder nächsten darauf gefaßt sein, daß ich angegriffen, benachteiligt, ausgenützt oder mißbraucht werde. Mißtrauen führt zu einer Wachsamkeit bis zur Alarmiertheit. Meine aktiven Wahrnehmungsprozesse suchen im Wahrnehmungsfeld nach Indizien von Feindseligkeit. Alle Sinnesorgane stehen in Alarmbereitschaft. Am häufigsten wird das Gehör zum Radarsystem erkoren, das feindselige Bewegungen frühzeitig erkennen soll.
 
Tinnitus-Patienten haben ihre Ohren in Radarschirme umkonstruiert und dadurch zugrunde gerichtet. Bei paranoiden Menschen ist aus dem Mißtrauen eine Gewißheit geworden. Gewißheit macht die Sicht der Welt einfacher, so wie Krieg eine einfachere Sachlage ist als Kriegsgefahr. Die psychotische Konstruktion der Welt ist weniger komplex und weniger vage als die normalpsychologische Konstruktion. Auch die rigorose Aussage „wer nicht mein Freund ist, ist mein Feind“ ist eine derartige Simplifizierung.
 
Wer mißtrauischen Menschen begegnet, spürt deren eigene feindselige Ausstrahlung. Wir wissen, daß die Projektion eigener aggressiver Impulse auf andere ein Versuch ist, sich von diesen zu trennen. Die einfache frühkindliche Denkweise ist eine Gleichsetzung von aggressiv und böse. Wer böse ist, wird nicht geliebt. Wer nicht geliebt wird, ist den Eltern nicht willkommen, darf nicht da bleiben. Um emotional zu überleben, muß das Kind sich wie auch immer von seinen aggressiven Impulsen trennen, da es seine Impulse ja noch nicht kontrollieren kann. Durch die Projektion wird der andere böse und dies führt zur Angst vor seiner Aggression. Die Angst hat wie Wasser das bedrohliche Feuer der eigenen Aggression gelöscht. Wo nicht ein manifestes Angstgefühl besteht, bleibt Mißtrauen. Abgesehen von begründetem Mißtrauen ist dies „konstruierte“ Mißtrauen ein wichtiges Thema in der Psychotherapie. Manche Eltern erleben ihr auf eine gesunde Weise aggressives Kind als übermächtig, fürchten seine Aggression und hegen Mißtrauen. Das Kind übernimmt die Überzeugung der Eltern, daß etwas Böses in ihm ist und kann sich selbst nicht vertrauen. Eventuell muß es durch Zwanghaftigkeit oder später gar durch Zwangsrituale und andere Zwangssymptome das Böse in sich auf eine magische Weise bannen. Mißtrauen gegen sich selbst ist ein wichtiger Motor zwanghaften Verhaltens.
 
 
Neid
 
Auch Neid ist ein aggressiv getöntes, gegen den anderen gerichtetes Gefühl. „Ich will, daß das, was du bekommen hast, mir gehört“. Das Glück, die Freude, die Zufriedenheit des anderen soll meine sein. Ein fast körperlich spürbares Zusammenziehen, als ob dieses Zusammenziehen ein Versprühen von Gift bewirken sollte. Atmosphärisches Gift erfüllt den Raum zwischen mir und dem Beneideten und umgibt die geneideten Güter. Als Handlungsimpuls ist die Tendenz vorhanden, dem anderen das wegzunehmen, was ich nicht habe. Der starke Wunsch danach, der Gedanke der Unmöglichkeit, daß beide es jetzt haben können, das Bewußtsein, daß er es hat und nicht ich, ergeben eine Frustration, aus der heraus Ärger entsteht und sich all dies zu dem Gefühl des Neids vermischt.
 
Kleinkinder mit zwei Jahren setzten den Wunsch sofort in die Tat um und reißen dem anderen Kind das begehrte Spielzeug aus der Hand, noch ehe ein Neidgefühl entstehen könnte. Erst die Blockierung dieses Handlungsimpulses durch elterliche Verbote führt zur Frustration des Wunsches und zum aggressiven Gefühls des Neids. Fast alle Eltern vermitteln dem Kind, daß Neid ein „häßliches“ Gefühl ist, das nur in einer „häßlichen“, das heißt nicht liebenswerten Seele wohnt. Meist werden solche Sozialisiationsleistungen wie das Unterdrücken von sozial nicht erwünschten Gefühlen viel zu früh abverlangt (forcierte Sozialisation).
 
Für das Kind im Vorschulalter ist Neid noch eine natürliche Reaktion. Viel zu früh wird ihm oft abverlangt, diese Reaktion mit Hilfe von Schuldgefühlen zu unterdrücken. Umgekehrt ist der Neid der Eltern entwicklungshemmend. Das Kind darf nicht erfolgreicher oder zufriedener werden als Vater oder Mutter. Denn deren Neid führt zur Feindschaft. Da aber ihre Liebe zum emotionalen Überleben benötigt wird (irrtümlicherweise auch noch als Erwachsener), muß auf eine Lebensgestaltung verzichtet werden, die den Neid des betreffenden Elternteils hervorrufen würde. Da dies keine bewußte Wahrnehmung des Neids und keine bewußte Entscheidung gegen den eigenen Erfolg ist, wird dies als Scheitern erlebt, das der eigenen Insuffizienz zugeschrieben wird. Die Homöostase des sozialen Systems ist in diesem Fall der individuellen Homöostase übergeordnet. Erst wenn die emotionale Abhängigkeit aufgegeben werden kann, dürfen die eigenen Belange gleichwertig neben die der Bezugspersonen gestellt werden.
 
 
Eifersucht
 
Mit suchtartigem Eifer, von dem nicht abgelassen werden kann, wird in einer Dreieckskonstellation ein Geschehen verfolgt, das zum Ausschluß der eigenen Person zu führen scheint. Die anderen beiden bilden das neue Paar. Bereits in einer Zweierbeziehung befindlich oder in großer Hoffnung auf ihr Zustandekommen taucht eine dritte Person auf. Diese scheint sich um den gleichen Menschen zu bemühen oder dieser scheint an ihr offen Gefallen zu finden. Eifersucht bedeutet als Gefühlszustand, voll alarmiert zu sein, die Aufmerksamkeit ganz auf eventuelle Annäherungen der anderen beiden gerichtet. Sie ist ein innerliches Aufgewühltsein, im ganzen Brustkorb wühlend. Bewußtsein und Gedanken sind so unruhig, als ob ein Wespenschwarm im Kopf schwirren würde.
 
Eifersüchtig ist, wer sich seiner Bedeutung für den anderen nicht sicher ist, wer Rivalen größere Chancen einräumt, wer den Bindungsgefühlen des Partners nicht vertraut. In der Kindheit ist die Eifersucht der Geschwister um die Gunst eines Elternteils ein Dauerthema. Auch wenn sie sich in Abwesenheit der Eltern gut verstehen, taucht in der Dreieckskonstellation dann eine spontane Gegnerschaft auf, wenn Vater oder Mutter nicht genug Zuwendung für beide Kinder übrig haben. Chronische Eifersucht eines Geschwisters resultiert, wenn Vater oder Mutter das andere mehr lieben und offen oder unbeabsichtigt permanent ihre Gesten diese ungleichen Gefühle verraten. Diese geringere Liebenswürdigkeit wird in das Selbstgefühl aufgenommen, so daß in späteren Dreieckskonstellationen ähnliche Reaktionsweisen erfolgen.
 
Aber auch das Einzelkind wird außerhalb seiner Kleinfamilie mit einer alarmierenden Situation konfrontiert. Im Kindergarten, in der Schule, im Beruf muß nunmehr Aufmerksamkeit und Zuwendung mit Rivalen geteilt werden, was Anlaß zu Eifersucht gibt, wenn der andere mehr davon bekommt. Die in der Psychoanalyse besonders betonte ödipale Rivalität mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil ruft Eifersucht bei Kind und Elternteil hervor. Manche Patienten richten ihr ganzes Bemühen darauf aus, die Eifersucht von Vater oder Mutter zu verhindern. Als Kind wurden sie in ihrer Entwicklung dadurch blockiert, daß sie damals annehmen mußten, daß der Elternrivale aus Eifersucht ein solches Ausmaß an Aggression entwickelt, daß ein emotionales Überleben nicht mehr möglich ist. Der Weg zur eigenen Geschlechtsrolle bleibt so verschlossen. Gesundes Konkurrenzverhalten ist ebenso blockiert wie die Fähigkeit, das andere Geschlecht für sich zu gewinnen
 
 
Literaturempfehlung:
 
Wolfgang Miethge: Heilsame Gefühle. Trainingshandbuch für die Arbeit mit Emotionen. München: CIP-Medien
 
Dieter Schwartz: Gefühle verstehen und positiv verändern. München: CIP-Medien
 
Serge K. D. Sulz: Als Sisyphus seinen Stein losließ - Oder: Verlieben ist verrückt. München: CIP-Medien
 
Serge K. D. Sulz: Von der Kognition zur Emotion. Psychotherapie mit Gefühlen. München: CIP-Medien
 
Serge K. D. Sulz: Praxismanual: Strategien der Veränderung von Erleben und Verhalten. München: CIP-Medien (mit Arbeitsblättern Umgang mit Gefühlen)
 
Serge K. D. Sulz: Von der Strategie des Symptoms zur Strategie der Therapie. München: CIP-Medien (mit Kapiteln über Emotionen, Emotionsregulation)