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Kurzzeittherapie

Bis jetzt wissen wir, welche Interventionen geplant sind, um welches Ziel zu erreichen. Wir wissen noch nichts über die Reihenfolge ihrer Anwendung und über die Zahl der Therapiestunden, die jeweils benötigt wird. Natürlich wird man zum Beispiel einen Bildhauer nicht fragen, welche Zeit er eingeplant für die nächste Skulptur und welchen Zeitaufwand er für die abgrenzbaren Detailabschnitte seiner Arbeit kalkuliert. Und natürlich können wir Psychotherapie, insbesondere wenn sie als Entwicklung gesehen wird, ebenso als freies kreatives Schaffen betrachten. Doch gerade die Betrachtung der biologischen und psychischen Entwicklung des Menschen zeigt uns, daß Entwicklung ihre Zeit braucht. Zu wenig ist genauso schlecht, wie zu viel. Die zu lange Schwangerschaft, das zu lange Stillen, das zu lange Behüten, das zu lange Binden an äußere Normen sind entwicklungsschädigend. Es gibt nicht wenige Therapien, in denen der Patient, zum Beispiel auch durch zwei Therapiestunden pro Woche, zu lange „bebrütet“ wird und Regression statt Progression gefährdet wird. Es ist also nicht nur eine Frage der Anzahl der von der Krankenkasse bezahlten Therapiestunden, wieviel Zeit für bestimmte Teilabschnitte der Therapie aufgewendet wird.
 
Mit Ausnahme von mehrstündigen Expositionstrainings bedürfen häufige und lange Therapiegespräche der besonderen Begründung. Die gemeinsam mit dem Therapeuten verbrachte Zeit ist ein Herausholen aus der natürlichen Umwelt und aus dem sozialen Kräftefeld in einen Schonraum, der zwar dem Patienten ein gefahrloses Explorieren seiner Psyche erlaubt und ihm den Mut zu Neueinschätzungen der Welt und zu Entscheidungen gibt. Aber um diese Entscheidungen in die Tat umsetzen zu können, braucht er ausreichend Zeit zwischen den Therapiesitzungen. Es sind auch nicht weitere wöchentliche Stunden zu diesem Thema erforderlich. Kurze, fünf- bis zehnminütige Berichterstattungen reichen aus, damit der Therapeut erkennen kann, daß der Patient „in eigener Regie“ die vereinbarten Schritte unternimmt.
Manche Therapeuten verhalten sich so wie Eltern, die ihrem Kind das Fahrradfahren beibringen und überbehütend zu lange festhalten, so daß die Versuche des Kindes ein eigenes Gleichgewicht herzustellen ständig von ihnen gestört werden. Eine falsch verstandene Grundhaltung der Entwicklung macht Therapiestunden zu Plauderstunden, die gerade keine Entwicklung ermöglichen, sondern den Therapeuten die falsche Rückmeldung geben: „Die Stunden bei Ihnen tun mir ja so gut. Ich fühle mich so von Ihnen verstanden. Das hält dann immer mindestens drei Tage an.“ Im Klartext berichtet der Patient, daß der Therapeut ihm Linderung verschafft, ohne daß unbequeme Änderungen erforderlich werden. Da sind schnell 40 bis 80 Therapiestunden verbraucht. Das Therapieergebnis ist dann, daß es dem Patienten mit Therapie und Therapeuten gut, ohne Therapeut und ohne Therapie schlecht geht.
 
Ein Plädoyer für die Kurzzeittherapie stützt sich weniger auf Zeitknappheit oder die Frage der Finanzierung. Vielmehr ist mit ihr eine therapeutische Grundhaltung verbunden, die mit der Zeit sorgfältig umgeht. Dies bedeutet, daß Entwicklung nicht in den Therapiestunden, sondern zwischen den Therapiestunden geschieht.
In den Therapiestunden werden lediglich Anstöße zur Entwicklung gegeben und Blockaden und Barrieren beiseite geräumt. Dies geschieht in einer aktiven und konfrontierenden Weise. Die einzelnen Therapiestunden müssen gut vorbereitet werden und sie müssen eine definierte Teiletappe des strategischen Weges zum Ziel sein. Eine Therapiestunde muß an die vorhergehende Stunde anschließen, auf sie aufbauen und die nächste Stunde vorbereiten. Im Gegensatz dazu steht die zufällige Aneinanderreihung von Gesprächen, deren Inhalt und Ablauf von den Berichten des Patienten bestimmt ist und bei denen der Therapeut nur eine reagierende Rolle spielt, also eine konzeptionelle Gestaltung ausbleibt. Sowohl die verhaltenstherapeutische Selbstkontrolltherapie von Roth und Rehm (1986) als auch die kognitiv-psychodynamische interpersonale Psychotherapie (IPT) von Klerman und Mitarbeitern (1984) sind gut strukturierte Kurzzeitbehandlungen der Depression.
 
Als Beispiel eines Gesamtstrategieplans dient die Selbstkontrolltherapie eines depressiven Patienten (vgl. Sulz, 1986). Strategische Planung und Ergebnis der jeweiligen Interventionen sind in Tabelle 28 wiedergegeben. Die letzten drei hier nicht wiedergegebenen Sitzungen dienten dem Ausbau und der Konsolidierung des bis dahin Erreichten, sowie der Vorbereitung auf die therapielose Zeit.
 
Bei Sulz (1992a) und im Strategieteil des Therapieprotokollheftes (VDS 11) befindet sich ein „Formblatt Gesamtstrategieplan“ zur Verwendung mit eigenen Patienten.
 
Eine kognitv-behaviorale Variante der Kurzzeittherapie ist die Strategische Kurzzeittherapie (Sulz 1994).
 
aus Sulz: Strategische Kurzzeittherapie. München: CIP-Medien 1994
 
Literatur:
 
S.K.D. Sulz: Strategische Kurzzeittherapie - Wege zur effizienten Psychotherapie
 
S.K.D. Sulz (Hrsg.): Die Kurzzeit-Psychotherapien mit Beiträgen von Lohmer, Lachauer, Fürtenau, Hayes, Gottwik, Kanfer, Revenstorf, Schramm, Sulz