Neuropsychologische Untersuchungsmethoden
Neuropsychologische Untersuchungen, die die psychologischen Korrelate der Hirnprozesse erfassen, sind je nach Fragestellung vielgestaltig. So haben z. B. Ekman und Friesen (1978) im Rahmen emotionspsychologischer Forschung das Facial Action Coding System entwickelt, um die mimische Komponente des Gefühlsausdrucks zu erfassen. Welzl (1996)weist auf die große Bedeutung von Verhaltensanalysen hin. In keinem anderen Bereich psychologischer Diagnostik wurden so umfassende Diagnostikinstrumente und –system entwickelt wie in der Neuropsychologie. Für sämtliche psychologische Funktionen sind Untersuchungsbatterien vorhanden, um Funktionseinbussen zu erfassen, die mit entsprechenden Veränderungen des Gehirns korrelieren (z. B. Hamster W 1980, Huber et al. 1983, Blanken 1996, Rosen et al. 1993, Klein 1993, Deegener et al. 1997, vergleiche auch die Übersicht von Calabrese 1997).
Einige Beispiele klinisch-neuropsychologischer Diagnostik seien hier kurz beschrieben:
Der Wechsler Gedächtnis Test in seiner revidierten Fassung (WMS-R) ist die deutsche Fassung des Wechsler-Memory-Scale. Er ermöglicht bei Vergleich mit dem Intelligenzquotienten die Feststellung eines amnestischen Syndroms (Härting et al. 2000). Neben der allgemeinen Gedächtnisleistung erfaßt er das visuelle und das verbale Gedächtnis, die verzögerte Gedächtnis-, die Aufmerksamkeits- und die Konzentrationsleistung.
Der Demenz-Test (DT) entspricht dem Mini-Mental-Status-Test und erfaßt bei älteren Menschen mit hoher Sensivität und Spezifität verschiedene dementielle Prozesse (Kessler et al. 1999). Er enthält einen Gedächtnistest mit freiem Abruf, eine verbale Flüssigkeitsaufgabe, einen Apraxietest und prüft das Orientierungsvermögen.
Das Strukturierte Interview für die Diagnose einer Demenz vom Alzheimer Typ, der Mulitinfarkt-(odervaskulären) Demenz und Demenzen anderer Ätiologie nach DSM-III-R, DSM-IV und ICD-10 (SIDAM, Zaudig und Hiller 1996) wird bei Erwachsenen von 60 bis 90 Jahren zur Einschätzung des kognitiven Funktionszustandes eingesetzt. Er umfaßt die Mini-Mental-State-Examination, den SISCO-Score, den Hachinski-Score, den modifizierten Ischemic Score, Skalen zu Orientiertheit, Kurz- und Langzeitgedächtnis, intellektuelle Leistungsfähigkeit, verbale und rechnerische Fähigkeiten, optisch-räumliche Konstruktionsfähigkeiten, Aphasie, Apraxie, höhere kortikale Funktionen. Er bildet verschiedene Stadien der Demenzentwicklung ab.
Die Alzheimers Disease Assment Scale ADAS (Rosen et al. 1993) ermöglicht die Verlaufsbeurteilung dementieller Symptome (kognitive Leistungen (Orientierung, Gedächtnis, Benennen von Gegenständen, Befolgen von Anweisungen incl. Des Verhaltens während des Interviews).
Der Wisconsin Card Sorting Test (WCST) differenziert Frontalhirnläsionen von anderen Hirnläsionen. Er mißt Perseveration und abstraktes Denken. Es werden Stimulus- und Responsekarten mit verschiedenen Formen, Farben und Nummern eingesetzt.
Der Kurztest für cerebrale Insuffizienz (c.I.-Test) von Lehrl und Fischer (1987) erfaßt vaskuläre und metabolische Insuffizienzen, z. B. im Rahmen von Arteriosklerose, raumfordernden oder degenarativen Prozessen. Er kann eingesetzt werden bei Durchgangssyndromen und hirnorganischen Psychosyndromen.
Die VOSP – Testbatterie für visuelle Objekt- und Raumwahrnehmung von Warrington EK, James M (1992) wird bei hirnverletzten Patienten eingesetzt und bietet Vergleichswerte zu rechts- und linkshemisphärischer Schädigung. Aufgaben sind unvollständige Buchstaben, Silhouetten, Positionen unterscheiden, Zahlen und Würfelanzahl lokalisieren, Punke zählen und Objekte erkennen.
Die Tübinger Luria-Christensen Neuropsychologische Untersuchungsreihe TÜLUC (Hamster et al. 1980) erfasst folgende neuropsychologische Untersuchungsbereiche bei Erwachsenen: höhere motorische Funktionen; akustisch-motorische Koordination; höhere kutane und kinästhetische Funktionen; höhere visuelle Funktionen; -- rezeptive Sprache; expressive Sprache; Schriftsprache; arithmetische Operationen; mnestische Funktionen; intellektuelle Prozesse.
Der Aachener Aphasietest AAT (Huber et al. 1983) ermöglicht die Auslese von aphasischen Patienten aus einer hirngeschädigten Population, Differenzierung in globale Aphasie, Wernicke-, Broca- und amnestische Aphasie, Nicht-Standard-Aphasien und modalitätsspezifischen Sprachstörungen, Identifizierung von nicht-klassifizierbaren Aphasien, Bestimmung des Schweregrades der aphasischen Störung und beschreibt die aphasische Störung hinsichtlich Phonologie, Lexikon, Syntax und Semantik.
Der Test von Blanken (1996) erfasst die Wortbedeutung im auditiven und visuellen Sprachverständnis. Er geht nicht von klinischen Syndromen, sondern von linguistischen Modellen aus.
Die TÜKI (Deegener et al. 1997)dient der Diagnostik und Differentialdiagnose neuropsychologischer Störungen und ihrer spezifischen Lokalisation im Kindes- und Jugendalter. Ziel sind Objektivierung und Quantifizierung der neuropsychologischen Störung, deren Struktur, Ermittlung des Faktors oder Primärdefekts, der dem beobachteten Syndrom zugrunde liegt.
Der HKS (Klein 1993) erfasst das Hyperkinetische Syndrom.
Ob ein Patient in eine Psychotherapiepraxis kommt, der neben seiner Haupterkrankung unerkannt derartige neuropsychologische Defizite hat, kann für den Therapieverlauf entscheidende Auswirkungen haben. Bei der Eingangsdiagnostik von Patienten mit Störungen, deren Ätiologie noch ungeklärt ist, muß eine orientierende neuropsychologische Diagnostik erfolgen, die bei sich ergebenden Verdachtsmomenten intensiviert wird (Kryspin-Exner 1988). Insbesondere werden auch immer wieder sekundäre hirnorganische Schädigungen durch Herz-Bypass-Operationen, Dialysebehandlung und Sucht übersehen.
aus Sulz: Neuropsychologie und Hirnforschung als Herausforderung für die Psychotherapie. Psychotherapie 2002, Bd.7, Heft1, 2002, Seite 18-33



