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Psychologische Funktionen

Wahrnehmung: Häufige gemeinsame Erregung von Nervenzellen führt dazu, dass diese zusammengebunden werden zu einer neuronalen Gruppe im Sinne eines reentrant mapping (Edelman 1987). Die so entstanden Bahnung führt zu immer leichter stattfindender gemeinsamer Erregung. Die Erregung einer Zelle führt zu rascher Miterregung der anderen Zellen der neuronalen Gruppe. Ein Reiz, der zur Aktivierung einer neuronalen Gruppe führt, wird immer rascher wieder erkannt – erinnert. So kann Gedächtnis beschrieben werden. Oder bei einer bestimmten Reizkonfiguration wird ein Schema im Sinne Piagets (1961) aktiviert und bei Übereinstimmung der Reizempfindung mit dem Schema wird diese assimiliert. Oder Reizempfindungen werden durch aktive Wahrnehmung zu einer Gestalt zusammengefügt (Koffka 1935) - die Konstruktion der Wirklichkeit durch unsere Wahrnehmung ist lange bekannt. Roth (1995) weist darauf hin, dass nur mit Hilfe des Gedächtnisses dieser Prozess des Wiedererkennens ablaufen kann. Die neuronalen Gruppen wirken sich psychologisch als Erwartungen aus, mit denen die Reizempfindungen, die die vorgefundene Welt hervorrufen, verglichen werden. Oder als theoretische Konstrukte über die Welt (Kelly 1955) – jede Wahrnehmung ist der Versuch, diese theoretische Konstruktion der Welt zu bestätigen.
 
Gedächtnis: Sowohl die Neuropsychologie als auch die Hirnforschung sehen heute das Gedächtnis als zentrale psychologische Funktion an. Im Gedächtnis wird eine Selektion des Wahrgenommenen mit subjektiver Bedeutung versehen abgespeichert. Die Erinnerung ist ein neuer aktiver Prozess, der von der gegenwärtigen Situation abhängt und das Erinnerte ist wiederum eine Selektion des im Gedächtnis gespeicherten, nunmehr mit der heutigen subjektiven Bedeutungsgebung versehen (Loftus und Marburger 1983). Schacters (1987) Unterscheidung von explizitem und implizitem Gedächtnis ist für die Psychotherapie von großer Bedeutung. Während das explizite Gedächtnis bewusst als bedeutsam abgespeicherte Information enthält - meist mit sprachlicher und gedanklicher Bewertung versehen, ist das implizite Gedächtnis nicht bewusst Wahrgenommenes, das reflexhaft in Erinnerung tritt, wenn mit ihm assoziierte Reizempfindungen auftreten. Dies können Gefühle (Goschke 1996), Gerüche, Bewegungsabläufe, Körperhaltungen und anderes szenische Material sein, das nicht mit Sprache verknüpft ist, nicht mit bewusster Bedeutung versehen wurde. Entsprechend kann es nicht top-down (über kortikale Funktionen wie sprachlich gefasste Erinnerungen und kognitive Vorstellungen) ins Bewusstsein gebracht werden – in der Therapiestunde also nicht durch rein kognitives Bearbeiten wachgerufen werden. Vielmehr muß - bottom-up – der nonverbale Stimulus gesetzt werden, der damit assoziiert ist (Perrig et al. 1993) und das entsprechende neuronale Erregungsmuster aktiviert.
 
Lernen: Am Tiermodell wurde festgestellt, dass Lernprozesse z. B. im Rahmen der klassischen Konditionierung, mit einer lang anhaltenden Steigerung der Synapsenaktivität postsynaptischer Zellen des enthorinalen Cortex, die zum Hippocampus ziehen, führen (Eichenbaum und Otto 1993)– als Langzeitpotenzierung LTP (Bliss und Lomo 1973). Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie sehr schnell aufgebaut werden. Es wurde auch die entgegengesetzte Reaktion festgestellt: Langzeitdepression (LTP). Ein ipsilateraler Reiz im entorhinalen Cortex führte im Gyrus dentatus zu einer lang anhaltenden Unterdrückung der Synapsenaktivität. Dies wird sowohl mit dem Abbau der Gedächtnisspur (Löschen) in Verbindung gebracht als auch mit einer zweiten Art des Lernens. Nicht nur im Zusammenhang mit der Kompensation von verletzungsbedingten Ausfällen von Hirnfunktionen sondern auch mit Lernprozessen wurde eine morphologische Plastizität des Gehirns festgestellt. Das Gehirn verändert sich durch Lernen und Erfahrung. Greenough und Bailey (1988) stellen aufgrund ihrer Untersuchungen fest, dass sowohl eine Festigung bestimmter Synapsen und eine Rückbildung konkurrierender Synapsen als auch eine Neubildung von Synapsen die Folge von Lernprozessen ist. Auf die Entstehung von LTP hin vermehren sich sowohl Schaftsynapsen als auch eine Art von Spine-Synapsen bzw. deren Spines verdicken sich, so dass der elektrische Widerstand verringert wird (Anderson et al. 1987). Während die Untersuchung von Patienten mit Hirnschädigungen dazu führte, dass begrenzte Lokalisationen von Gedächtnisfunktionen diskutiert wurden, ermöglichen die modernen bildgebenden Verfahren das Entdecken von neuronalen Netzwerken (Babinsky und Markowitsch 1996). In der Unterscheidung von episodischem Gedächtnis (Erinnern persönlicher Vergangenheit), semantischem Gedächtnis (Wissen), Priming (Wiedererkennen) und prozeduralem Gedächtnis (Fertigkeiten), klassischen Konditionieren und nicht-assoziativem Lernen können diesen verschiedene Prozesse und Orte zugewiesen werden: limbisches System, Zwischenhirn und Temporallappen und Frontalhirn sind besonders beteiligt. Squire und Knowlton (2000) haben diese lokalen Zuordnungen systematisch dargestellt (Tabelle 1):
 
Tabelle 1: Das Langzeitgedächtnis
(verändert nach Squire und Knowlton 2000, S. 776)
deklarativ, explizitEpisodisch (persönliches, autobiographisches Wissen)Limbisches System, Temporallappen, Zwischenhirnsemantisches Gedächtnis (lexikalisches Wissen)Prozedural, implizitPriming, WiedererkennenNeocortexFertigkeitenStriatumReiz-Reaktionslernenemotional:
AmygdalaBewegungsapparat: KleinhirnNichtassoziatives LernenReflexbahnen
 
Eine Studie von Markowitsch et al. (1985) zeigt, dass Überlernen zu einer sicheren Verfügbarkeit von Gelerntem führt. Es scheint, dass viel kleinere Hirnbereiche nach Läsion übrig bleiben müssen, um Gelerntes in kurzer Zeit wiederzuerlernen. Damasio (1990) geht davon aus, dass Wahrgenommenes in verschiedenen Hirnbereichen gespeichert wird und beim Erinnern diese Bereiche synchron aktiviert werden, so dass wieder eine ganzheitliche Erinnerung resultiert.
 
Denken: Kuhl (2001) greift bisher beschriebene Varianten von Kognitionen auf und unterscheidet vier Formen: Das analytische Denken umfaßt bewusste logische sequentielle verbalisierbare fokussierende Prozesse des Problemlösens und Planens. Das holistische Fühlen (im Gegensatz zu Gefühlen) besteht in ganzheitlichem, implizitem parallel viele Informationen verwertenden und berücksichtigenden Vergegenwärtigen. Das elementare Intuieren ist ein impliziter, eher nonverbal bildhafter, sensumotorischer, ganzheitlicher Prozess. Das Empfinden ist die elementare explizite diskrepanzsensitive modalitätsspezifische kontextabstrahierende fokussierende Objekterkennung.
 
VerhaltenErlebenHochinferentDenkenFühlenElementarIntuitionEmpfinden
Denken und Empfinden sind im Cortex linkshemisphärisch, Fühlen und Intuieren sind rechtshemisphärisch lokalisiert. Dabei ist sind Denken und Fühlen jeweils präfrontal (in verschiedenen Hemisphären) und Empfinden und Intuition jeweils parietal zu lokalisieren.
 
Emotionen: LeDouxs (1996) Untersuchungsergebnisse legen nahe, daß es eine schnelle emotionale Reaktion aufgrund der Reizverarbeitung in der Amygdala gibt, die als erstes Bewertungsergebnis der Wahrnehmung einer Situation ein sofortiges Reagieren ermöglicht. Zudem folgt später nach der kognitiven Informationsverarbeitung im Großhirn eine zweite emotionale Reaktion, die das Ergebnis der bewußten gedanklichen Interpretation der Situation ist. Die Amygdala erhält Informationen vom Hippocampus und vom sensorischen Cortex. Von ihr aus gehen Bahnen zum autonomen Nervensystem, zum endokrinen System, zum somatomotorichen System im zentralen Höhlengrau und zum Cortex. Aggressivität korreliert negativ mit Serotonin- und positiv mit Noradrenalinausschüttung, korreliert mit verstärkter elektrophysiologischer Aktivität (Volavka J(1990) im frontotemporalen Cortex und mit verändertem Blutfluß und Glucoseutilisation (Raine et al. 1998) in diesen Arealen.
 
Bedürfnisse: Verhalten, das der Bedürfnisbefriedigung dient, d. h. instrumentell eingesetzt wird, um ein unbefriedigtes Bedürfnis zu stillen, wird durch das dopaminerge System im Stammhirn – mediale Vorderhornbündel und Substantia nigra – gesteuert. Die Neuronenbahnen führen zur Amygdala, zu den Stammganglien und zum motorischen Teil des Frontalhirns ebenso zu Frontalhirnarealen, die steuernde Funktionen innehaben (Mishkin und Appenzeller 1987). Der Nucleus accumbens (im limbischen System) nimmt dabei eine Schüsselstellung ein (Phillips et al. 1989). Bedürfnisbefriedigung reduziert die Transmitteraktivität, Mißerfolgsmeldungen führen zu deren Beibehaltung.
 
aus Sulz: Neuropsychologie und Hirnforschung als Herausforderung für die Psychotherapie. Psychotherapie 2002, Bd.7, Heft1, 2002, Seite 18-33